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WM-Berichterstattung : Sportjournalisten oder Fußballfans?

Mertesacker macht ein Selfie. Sein patziges Interview nach dem Algerien-Spiel ist jetzt schon Kult. Bild: Pressefoto ULMER

ARD und ZDF suchen bis zum letzten Spieltag nach ihrer WM-Form: Woher es kommt, dass uns der Auftritt des Fernsehens in Brasilien selten so viel Spaß macht wie der Fußball, der dort gespielt wird.

          Das war ein Abend für Sprücheklopfer. Und der macht ausgerechnet die „Bild“-Zeitung sprachlos. „Ohne Worte“ lautete die Schlagzeile nach dem 7:1-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien. Doch dafür hat die „Bild“ jetzt auch ihre Genom-Ausgabe: eine Bildstrecke von sechs Seiten zu sieben Toren. Tore, die für sich sprechen. Da haben die Blattmacher ihren Spaß.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch der war im Stadion von Belo Horizonte erstaunlicherweise nach einer halben Stunde schon vorbei. Fünf Tore auf einen Streich, das war unheimlich, da wurde einem mulmig. Und Claus Kleber, der im „heute journal“ nach wie vor keinen geraden Satz ohne überdeutliche Wertung herausbringt, schien in der Halbzeitpause angefasst, nicht nur ob der Eskalation im Nahen Osten. Von dem aus Brasilien zugeschalteten Korrespondenten wollte er sogleich wissen, ob sich schon Tumulte abzeichneten. Der aber wusste nur von „Schockstarre“ zu berichten.

          „Ein geiles Team“

          ZDF-Moderator Oliver Welke riss derweil einen Witz, der in mannigfaltigen Versionen bei Twitter herumgeistert: Mal schnell was zu trinken geholt, und schon steht es fünf zu null. Hätte eigentlich nur gefehlt: Nach Verlängerung sieht es nicht aus. Sogar Oliver Kahn ging für seine Verhältnisse aus sich heraus. Ihm war aufgefallen, dass Thomas Müller gesagt hatte, die deutsche Mannschaft habe einfach „ein geiles Team“. Und Kahn erging sich ausnahmsweise auch einmal nicht nur in Erinnerungen an seine eigene Karriere. Der Reifegrad der deutschen Spiele machte ihn staunen.

          Das ging Gary Lineker, dem legendären englischen Mittelstürmer und BBC-Kommentator, nicht anders. Hatte er vor Tagen noch über die Deutschen geschimpft, setzte er bei Twitter nun den Satz ab: „Müller does what Müllers do.“ Oder: „Du weißt, dass du Probleme hast, wenn Khedira gegen dich trifft.“ Unser Statistik-Mann, teilte Lineker noch mit, „ist gerade in Flammen aufgegangen“. Die BBC schrieb das Endergebnis des Spiels sicherheitshalber noch einmal aus: Brasilien 1, Deutschland 7 (Seven).

          Derlei trockenen Humor werden wir bei den hiesigen Berichterstattern wohl nicht mehr erleben. Quotenrekorde können sie feiern - das 7:1 sahen 32,57 Millionen Zuschauer. Das sei, teilte das ZDF mit, der seit Einführung der Quotenmessung allerhöchste Wert mit einem Marktanteil von 87,8 Prozent. Das WM-Halbfinale Deutschland gegen Spanien 2010 hatten 31,1 Millionen Zuschauer gesehen.

          Berichterstatter oder Fans?

          Leider stehen derlei Quantitäten in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Qualität der öffentlich-rechtlichen Sportberichterstattung, wie wir sie nicht nur beim Großereignis WM bezeugen dürfen. Die Journalisten, Reporter und Moderatoren von ARD und ZDF können sich - wie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schon beschrieben - einfach nicht entscheiden, ob sie Berichterstatter oder Fans sind.

          Ob sie auf Distanz bleiben oder sich ranschmeißen sollen. Sie sitzen mit Spielern am Pool wie Katrin Müller-Hohenstein oder reden und reden ohne Inhalt wie Gerhard Delling. Sie quälen uns wie Steffen Simon oder Béla Réthy. Sie haben kein kongruentes Verständnis von ihrer Rolle. Und diese Fragen! „Was hat das ausgezeichnete Spiel heute ausgemacht?“ „Wie haben Sie das denn wahrgenommen?“ „Werden Sie jetzt auch ein Feierbiest in Rio sein?“ „Sieben zu eins - ist das Wellness in den Ohren?“ Tanzen die Gefühle jetzt Samba?

          Das sind so Fragen im Stile des ZDF-Reporters Boris Büchler, bei denen den Spielern eigentlich die Kinnlade herunterfallen müsste. Mal sind sie Buhmann, wie nach dem Spiel gegen Algerien, dann plötzlich Götter, wie jetzt. Immer aber stehen sie vor der Herausforderung, nicht ebensolchen Unsinn zu verbreiten wie die, die ihnen da gerade das Mikro vor die Nase halten, und den Heizefeiz der Reporter eben nicht mitzumachen.

          Weltmeister des nichtssagenden Wortes

          Auch darauf sind die Nationalspieler, wie wir wissen, inzwischen trainiert. Und auch in dieser Disziplin schlagen sie sich beachtlich. So beachtlich, dass manche von ihnen nach dem Ende ihrer Kicker-Karriere problemlos in die Politik wechseln könnten, als Weltmeister der rundgeschliffenen Rede, des nichtssagenden Wortes.

          Per Mertesacker ist aus dieser Phalanx nach dem Algerien-Spiel dankenswerterweise einmal herausgetreten und hat sein Gegenüber Büchler herzlich angeblafft. Dabei hatte der nur, wie üblich von hinten durch die Brust ins Auge fragend, wissen wollen, warum die Mannschaft so einen zerfahrenen Eindruck hinterlassen hatte.

          „Wat woll’n Se?“, fragte Mertesacker zurück. „Woll’n Se ’ne erfolgreiche WM, oder dass wir wieder ausscheiden und haben schön gespielt?“ Am Dienstag traf Mertesacker abermals auf Büchler. Der gratulierte erst mal artig und fragte den Spieler wie immer nach dem Erlebniswert des Spiels. Das war ganz schön gequält, auch wenn man als Schlussbemerkung aus dem Hintergrund so etwas wie „alles Gute, mein Lieber“ hörte.

          Scholl als einzige Hoffnung

          Die Fans wollen natürlich beides: weiterkommen mit schönem Spiel. Und die Leute von ARD und ZDF, die mit einem Tross von 460 Leuten angereist sind, wollen das selbstverständlich auch. Sie wollen das vom Rundfunkbeitrag teuer bezahlte Ereignis zelebrieren, inszenieren und dabei doch irgendwie so tun, als seien sie nicht Teil des Ganzen.

          Es gibt eigentlich nur einen, der weiß, warum er aufläuft, und der heißt Mehmet Scholl. Als ARD-Experte analysiert er die Spiele und beschreibt dabei nicht nur, was ohnehin jeder sieht. Ohne Rückgriff auf seine eigene Zeit bei der Nationalmannschaft kommt er dabei nicht aus, er wird darauf aber auch vom Moderator Matthias Opdenhövel permanent angepiekst. Seinen großen Auftritt hatte Scholl beim Viertelfinal-Spiel der Brasilianer gegen Kolumbien. Die hemmungslose Treterei, welcher der Schiedsrichter nicht Einhalt gebot, nannte er, was sie war: ein „Gladiatorenkampf“, ein Massaker, das zu Verletzungen wie derjenigen von Neymar führt, das Ende des Fußballs.

          „Das ist nicht mehr unsere Sportart“, sagte Scholl und regte sich angemessen auf. Die kleinen, flinken, technisch versierten Spieler würden „gejagt, verfolgt und gedemütigt“. Einen weisen Satz zu dem da noch bevorstehenden Spiel Deutschland gegen Brasilien hatte Scholl auch auf Lager: „Ich glaube, dass die Brasilianer diesmal in unser Programm reinpassen.“

          Am Sonntagabend hat Scholl bei der Übertragung des WM-Finales abermals das letzte Wort. Vielleicht kann er dann ja sagen: Die Argentinier oder Niederländer haben auch „in unser Programm“ reingepasst.

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