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Kaminers Deutschlandreise : Wo Frankfurter die Integration verweigern

  • -Aktualisiert am

Am Main vor der Skyline von Offenbach: Wladimir Kaminer macht Station Bild: ZDF und Christian A. Roeder

Für den Sender 3sat toure ich weiter durch die Republik. In Offenbach zeigt mir ein marokkanischer Rapper, was weltoffenes Schubladendenken bedeutet.

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          Die Städte für die Sendung „Kulturlandschaften“ wurden von der zuständigen Fernsehredaktion ausgewählt, die Gründe für ihre Entscheidungen konnte ich oft nur raten. Nach Offenbach kamen wir, so vermutete ich, weil diese Stadt einen sehr hohen Anteil Migranten hat, vielleicht sogar den höchsten in Deutschland. Es sind hier mehr Nationen als bei den UN vertreten, die Hälfte der für die Sendung ausgewählten Künstler aus Offenbach hatte einen Migrationshintergrund.

          Leute aus der großen Nachbarstadt wollen lieber unerkannt bleiben

          Die sogenannten „einfachen Menschen“, die ich nach dem Konzept der Sendung auf der Straße ansprach, waren meistens aus Frankfurt zugezogen und wollten nicht mit mir reden. Ein älterer Frankfurter Rentner verfolgte mich sogar über die Kreuzung und forderte laut, sofort alle Aufnahmen mit ihm in Offenbach zu vernichten. Wahrscheinlich hatte er seiner Frau zu Hause nicht erzählt, dass er nach Offenbach fährt.

          Gleich mit den ersten Künstlern kam ich auf das Thema „Integration“ zu sprechen. Alle neuen Begriffe werden aus alten heraus geboren, dabei machen sie ihre Vorgänger fertig, wie die Außerirdischen im berühmten Film „Alien“, wo das Ungeheuer zu gegebener Zeit aus dem Körper des Wirtes herauskriecht und den Wirt durch seine Geburt tötet. „Integration“ ist die Tochter von „Multikulti“, so hieß die Mama, die jetzt zum Schimpfwort geworden ist.

          Der Unterschied war mir lange nicht bewusst, inzwischen verstehe ich ihn. Multikulti hieß nämlich, dass die unterschiedlichen Ethnien, Völker und Interessensgemeinschaften friedlich nebeneinander leben, von früh bis spät einander freundlich grüßen, ohne sich groß für das Leben der anderen zu interessieren. Dieses Modell wird am besten mit dem deutschen Sprichwort „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ beschrieben.

          Multikulti oder ein Universalpläsirchen für alle?

          Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als „Multikulti“ kein Schimpfwort war, ich hatte bei einem staatlichen Radiosender gleichen Namens in Berlin gearbeitet. Die Russen hatten dort eine halbe Stunde Sendezeit, es gab ein Dutzend fremdsprachige Redaktionen, jede hatte dreißig Minuten Sendezeit in der Muttersprache zur Verfügung. Gleich nach den Russen kam der Vietnamese ins Studio, dann der Kroate, dann der Türke, der Bulgare und so weiter. Die deutschen Chefs hätten gern gewusst, was genau ihre ausländischen Kollegen in ihren Sendungen erzählen, ob sie keine Kriegshetze betreiben, vielleicht schimpfen sie auf Deutschland? Man wusste es nicht.

          Diese Unwissenheit darüber, was die anderen sagen, hat sich als untragbarer Zustand erwiesen, der Sender wurde geschlossen, das Projekt „Multikulti“ von höchster Stelle als gescheitert erklärt und Integration als die neue Säule des friedlichen Zusammenlebens aufgestellt. Die „Integration“ setzt voraus, dass es eine einzig passende Lebensart gibt, eine höhere Kultur, ein Universalpläsierchen, mit dem jedes Tierchen sich abfinden muss. Dieses Projekt ist noch schwieriger als das vorige zu verwirklichen. Wenn bei Multikulti die Teile der Gesellschaft so weit auseinanderdrifteten, dass sie keine Einheit mehr darstellten und kaum zu regieren waren, wird bei „Integration“ das Vorbild ständig angezweifelt, an dem sich alle zu messen haben.

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