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Kaminers Deutschlandreise : So ist der Humor der Friesen

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Wir brauchen Genehmigungen

Um einen Film zu drehen, braucht man Genehmigungen, erklärte er mir. Wir brauchten eine Drehgenehmigung, eine Fluggenehmigung für die Drohne, eine Parkgenehmigung für die Autos. Nordfriesland ist Weltkulturerbe, die Friesen selbst sind eine geschützte Minderheit, man darf sie nicht ohne weiteres anfassen. Für jede Düne sind fünf Behörden zuständig, erzählte mir der Aufnahmeleiter. Einen Monat lang telefonierte er mit allen. Für den Platz vor der Düne war das Ordnungsamt zuständig, hinter der Düne die Deichbehörde, auf der Düne die Verwaltung des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, für die Anfahrt das Landesamt für Land- und Schifffahrtwege, für die Vögel auf der Düne war die Naturschutzbehörde zuständig, und die Tourismusbehörde mischte sich auch noch permanent ein. Der Aufnahmeleiter hatte mit allen Instanzen einen aktiven Schriftverkehr geführt, er telefonierte tagelang und war beinahe am Durchdrehen. Immer, wenn er mit einer Behörde die Lage geklärt hatte, wehrte sich eine andere vehement dagegen und wollte ihm nicht ihr Einverständnis für den Dreh geben.

Der Produktionsleiter wurde zum Dünenhasser. Nach einer Woche schwerster Verhandlungen erfuhr er rein zufällig, dass alle diese Ämter und Behörden in einem Haus sitzen, sich sogar die Büroräume teilen und teilweise von derselben Person verkörpert werden, die in verschiedenen Tonlagen sprechen kann. Tja, friesischer Humor. Da können Beckett und Ionesco ruhig um die Ecke eine rauchen gehen.

Fürs Wetter interessiert sich hier niemand

Die Mühe hat sich aber gelohnt. Die Landschaft Norddeutschlands verzaubert. Hier ist durch den langwierigen zähen Kampf zwischen Natur und Kultur ein bislang unbekannter Menschenschlag entstanden, Menschen, die sich fürs Wetter überhaupt nicht interessieren. Die Natur wollte, dass alles wie immer bleibt, mit Sommer und Winter, mit Ebbe und Flut. Der Mensch hatte ein anderes Konzept im Kopf, einen Traum, einen Lebensentwurf, er wusste, wie es besser werden könnte. Er baute Deiche, gewann Land und siedelte sich auf dem gewonnenen Boden an. Die Natur versuchte immer wieder ihn wegzuspülen, mit wechselndem Erfolg.

Beim Kaltschalentreff mit den Punkrockern der Band „Turbostaat“.
Beim Kaltschalentreff mit den Punkrockern der Band „Turbostaat“. : Bild: ZDF und Christian A. Roeder

Aus der Diskrepanz zwischen dem, was ist, und dem, wie es sein könnte, ist Nordfriesland entstanden, ein Traum, der nie ganz aufgeht. Eine verrückte Landschaft, wo alles durcheinandergekommen ist. Die Wasserpflanzen stehen hier auf trockenem Boden, während die Gartenpflanzen oft bis zum Hals im Wasser stehen, den Deichen gilt mehr Aufmerksamkeit als den Straßen, und Kühe sehen glücklicher als Menschen aus – Ausnahme Sylt. Wir waren tatsächlich einen Tag in Kampen am Strand, saßen in einer Surferkneipe, und die Fischladenkette Gosch feierte gerade ihren „Fisch des Jahres“, es war überraschenderweise ein Hering. „Wir feiern den Hering in seiner schönsten Form“ stand auf dem Werbezettel. Wir feierten mit.

So seltsam wie die Landschaft waren auch die Künstler, die ich dort traf. Der eine übergoss Luftballons mit Bronze, ein anderer spielte Dudelsack, ein dritter schrieb Gedichte über Wattwürmer. In Husum traf ich eine Punkband, die laut sang: „Husum verdammt!“ Von wegen Frisia non cantat. Überhaupt musste ich feststellen, dass die Friesen gerne singen. Allerdings tun sie beim Singen oft so, als würden sie keine Zuhörer brauchen. Die Sonne war unsichtbar, aber hart, ich habe mir das Gesicht verbrannt. Noch Wochen nach diesem Dreh rochen meine Klamotten nach Salz, und mir fielen Sandkörner aus der Hose.

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