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Frauen bei Wikipedia : Eine Frage der Relevanz

  • -Aktualisiert am

Gewann auch ohne Wikipedia-Eintrag den Nobelpreis: Donna Strickland Bild: AP

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia weist bei der Würdigung von Wissenschaftlerinnen mitunter erstaunliche Lücken auf. Das soll sich ändern. Das Beispiel einer Nobelpreisträgerin macht Hoffnung.

          Wer direkt nach der Bekanntgabe des Physik-Nobelpreises für Donna Strickland am 2. Oktober das Weblexikon Wikipedia besuchte, konnte in den folgenden Stunden live miterleben, wie die Einträge für Professor Strickland als Gemeinschaftswerk entstanden und wuchsen. Zur deutschen Version haben bislang knapp fünfzig Autoren in achtzig Änderungsschritten beigetragen, in der englischen Version mehr als 170 Wikipedianer mit mehr als fünfhundert Zwischenschritten. Inzwischen gibt es Wikipedia-Einträge zu Donna Strickland in 45 Sprachen.

          Andererseits: Strickland war selbstverständlich schon eine exzellente Forscherin, bevor sie den Nobelpreis zugesprochen bekam. Warum also erst jetzt ein eigener Wikipedia-Eintrag?

          Kuriose Begründung

          Immerhin werden auf Wikipedia Änderungen samt zugehörigen Diskussionen online dokumentiert. Schnell wurden zwei Anläufe für einen Strickland-Eintrag auf dem englischsprachigen Wikipedia bekannt: Ein Entwurf war im Mai 2018 mit einer Begründung abgelehnt worden, die für viele Leser auf den ersten Blick abwegig klingen mag: Es sei nicht nachgewiesen, dass Strickland „relevant“ genug für einen biographischen Eintrag sei. Eine Version von 2014 war wegen Copyright-Verletzungen gelöscht worden.

          Was steckt dahinter? Zu einem Gutteil der folgende Umstand: Spätestens seit Wikipedia eines der meistgelesenen Webportale wurde, versuchen Firmen und Einzelpersonen, sie als Werbefläche und zur Selbstvermarktung zu nutzen. Hinzu kommen zahlreiche Zeitgenossen, die es witzig finden, Einträge gezielt zu verunstalten. Ohne Schutzmechanismen wäre Wikipedia binnen kurzer Zeit zugemüllt.

          Lassen sich einfache Aufgaben zur Verhinderung von Online-Vandalismus, etwa die Suche nach eingefügten unflätigen Begriffen, noch an Computerprogramme delegieren, sind jenseits solch eindeutiger Fälle die Wikipedianer selbst gefragt: Wann ist der Eintrag einer Firma als Werbung einzustufen? Wurde ein bestimmter Text unter Missachtung der Urheber-Rechte aus einer anderen Quelle unverändert in Wikipedia hineinkopiert?

          Konsensorientierte Abstimmungen

          Für solche Ermessensentscheidungen gibt es Richtlinien. Einige Regeln sind grundlegend und unveränderbar: der sachlich-neutrale, enzyklopädische Charakter von Einträgen etwa und dass Wikipedia-Inhalte grundsätzlich unter einer freien Lizenz stehen müssen, die es ermöglicht, sie zu teilen und weiterzuverbreiten. Die meisten anderen Regeln wurden und werden in konsensorientierten Abstimmungen unter Wikipedianern festgelegt.

          Vergleichsweise ausführlich ausformuliert sind Relevanzkriterien, um diejenigen Einträge, die tatsächlich in die Wikipedia gehören, von jenen zu scheiden, die dort nicht hingehören. Man mag einwenden, auf einer elektronischen Enzyklopädie müsste eigentlich für alles Platz sein – auch für Einträge, die nur sehr wenige Leser interessieren. Der Wikipedia-Konsens ist stattdessen, nur relevante Einträge aufzunehmen, die von hinreichend allgemeinem Interesse und zudem durch Verweise auf zuverlässige Quellen abgesichert sind.

          Quellen und unabhängige Belege sind entscheidend, weil Wikipedia seine freiwilligen Autoren und Redakteure egalitär behandelt. In diesem Sinne kann nämlich in der Tat jeder beitragen: Wer beispielsweise über Physik schreibt, muss kein Physiker sein, solange er für seine Änderungen geeignete Belege anführt.

          Langjährige Forschung reicht nicht aus

          Der egalitäre Charakter führt immer einmal wieder zu Problemen im Umgang mit Experten, also denjenigen, die mit am meisten zur Online-Enzyklopädie beitragen könnten. Wer als Wissenschaftler etwas zu Wikipedia beisteuern will und daraufhin beginnt, einen Artikel aus seinem Fachgebiet zu bearbeiten, wird unter Umständen zu seinem Ärger erfahren, dass „ich forsche auf diesem Gebiet seit fünfzehn Jahren, ich weiß, dass diese Aussage stimmt“, als Beleg nicht akzeptiert wird. Im ungünstigsten Falle zieht er sich ob des kritischen Empfangs enttäuscht und desillusioniert zurück

          Ob der pseudonyme Nutzer, der den Strickland-Eintrag vom Mai 2018 einstellte, ähnlich enttäuscht war, wissen wir nicht. Auf die Zurückweisung des Entwurfs und die damit einhergehenden allgemeinen Verbesserungsvorschläge hat er oder sie nicht mehr reagiert. Ob die Zurückweisung den Richtlinien entsprach, wird im Diskussionsbereich hinter den eigentlichen Wikipedia-Seiten nach wie vor diskutiert. Den Relevanz-Richtlinien für die Biographien von Akademikern nach hätte der Text eigentlich genügen müssen, da Strickland zum einen Fellow, zum anderen im Jahre 2013 Präsidentin der Optical Society war. Allerdings war das nur durch Verweis auf die Websites der Gesellschaft, nicht durch unabhängige Medienberichte dokumentiert.

          Jeden Tag eine Biografie einer Wissenschaftlerin

          Richtlinien lassen Ermessensspielräume. Dadurch können Vorurteile Einfluss bekommen. Zwar wird, wer sich die Wikipedia-Seiten der Physik-, Chemie- und Medizinnobelpreisträger der letzten zehn Jahre anschaut, sehen, dass auch acht männliche Laureaten erst nachträglich einen eigenen Eintrag bekamen – inklusive des diesjährigen Chemie-Preisträgers George Smith. Wer frühe Versionen der Seiten männlicher Laureaten anschaut, sieht aber auch, dass eine ganze Reihe davon über Jahre hinweg in deutlich schlechterem Zustand waren als der im Mai 2018 abgelehnte Strickland-Eintrag – und trotzdem ihren Platz im Wikipedia fanden. Das dürfte auch daran liegen, dass Wikipedia bei der Anwendung seiner eigenen Kriterien in den letzten Jahren strenger geworden ist. Das wiederum benachteiligt all jene Gruppen, die auf Wikipedia traditionell unterrepräsentiert sind.

          Allgemeiner gibt es nämlich nach wie vor zahlreiche Wissenschaftlerinnen, die den Kriterien der Enzyklopädie durchaus genügen würden, aber noch keinen Eintrag auf Wikipedia haben. Immerhin gibt es bei Wikipedia die Möglichkeit, bei der Korrektur solcher Schieflagen mitzuhelfen. Wikipedia-Projekte wie „Frauen in Rot“, benannt nach der roten Farbe von Link-Verweisen auf nicht existente Einträge, haben sich das als Ziel gesetzt. Die britische Physikerin Jess Wade nahm sich sogar vor, in diesem Jahr jeden Tag die Biographie einer neuen, bislang fehlenden Wissenschaftlerin auf Wikipedia zu stellen. Sie hat ihren Vorsatz bislang offenbar sehr gut durchgehalten.

          Gerade weil für ordnungsgemäß geschriebene biographische Einträge verlässliche Quellen besonders wichtig sind, gilt allerdings auch: Hätten Zeitungen und Zeitschriften vorab über Strickland berichtet, hätte das die Chance auf einen Wikipedia-Eintrag deutlich erhöht. Je mehr gute Reportagen über Wissenschaftlerinnen, umso einfacher wird es, Einträge für sie zu erstellen und die Schieflage zu korrigieren. Wikipedia hat hier noch einen längeren Weg vor sich. Aber wer hier nur Wikipedia in der Pflicht sieht, ignoriert das Gesamtbild. MARKUS PÖSSEL

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