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Frauen bei Wikipedia : Eine Frage der Relevanz

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Langjährige Forschung reicht nicht aus

Der egalitäre Charakter führt immer einmal wieder zu Problemen im Umgang mit Experten, also denjenigen, die mit am meisten zur Online-Enzyklopädie beitragen könnten. Wer als Wissenschaftler etwas zu Wikipedia beisteuern will und daraufhin beginnt, einen Artikel aus seinem Fachgebiet zu bearbeiten, wird unter Umständen zu seinem Ärger erfahren, dass „ich forsche auf diesem Gebiet seit fünfzehn Jahren, ich weiß, dass diese Aussage stimmt“, als Beleg nicht akzeptiert wird. Im ungünstigsten Falle zieht er sich ob des kritischen Empfangs enttäuscht und desillusioniert zurück

Ob der pseudonyme Nutzer, der den Strickland-Eintrag vom Mai 2018 einstellte, ähnlich enttäuscht war, wissen wir nicht. Auf die Zurückweisung des Entwurfs und die damit einhergehenden allgemeinen Verbesserungsvorschläge hat er oder sie nicht mehr reagiert. Ob die Zurückweisung den Richtlinien entsprach, wird im Diskussionsbereich hinter den eigentlichen Wikipedia-Seiten nach wie vor diskutiert. Den Relevanz-Richtlinien für die Biographien von Akademikern nach hätte der Text eigentlich genügen müssen, da Strickland zum einen Fellow, zum anderen im Jahre 2013 Präsidentin der Optical Society war. Allerdings war das nur durch Verweis auf die Websites der Gesellschaft, nicht durch unabhängige Medienberichte dokumentiert.

Jeden Tag eine Biografie einer Wissenschaftlerin

Richtlinien lassen Ermessensspielräume. Dadurch können Vorurteile Einfluss bekommen. Zwar wird, wer sich die Wikipedia-Seiten der Physik-, Chemie- und Medizinnobelpreisträger der letzten zehn Jahre anschaut, sehen, dass auch acht männliche Laureaten erst nachträglich einen eigenen Eintrag bekamen – inklusive des diesjährigen Chemie-Preisträgers George Smith. Wer frühe Versionen der Seiten männlicher Laureaten anschaut, sieht aber auch, dass eine ganze Reihe davon über Jahre hinweg in deutlich schlechterem Zustand waren als der im Mai 2018 abgelehnte Strickland-Eintrag – und trotzdem ihren Platz im Wikipedia fanden. Das dürfte auch daran liegen, dass Wikipedia bei der Anwendung seiner eigenen Kriterien in den letzten Jahren strenger geworden ist. Das wiederum benachteiligt all jene Gruppen, die auf Wikipedia traditionell unterrepräsentiert sind.

Allgemeiner gibt es nämlich nach wie vor zahlreiche Wissenschaftlerinnen, die den Kriterien der Enzyklopädie durchaus genügen würden, aber noch keinen Eintrag auf Wikipedia haben. Immerhin gibt es bei Wikipedia die Möglichkeit, bei der Korrektur solcher Schieflagen mitzuhelfen. Wikipedia-Projekte wie „Frauen in Rot“, benannt nach der roten Farbe von Link-Verweisen auf nicht existente Einträge, haben sich das als Ziel gesetzt. Die britische Physikerin Jess Wade nahm sich sogar vor, in diesem Jahr jeden Tag die Biographie einer neuen, bislang fehlenden Wissenschaftlerin auf Wikipedia zu stellen. Sie hat ihren Vorsatz bislang offenbar sehr gut durchgehalten.

Gerade weil für ordnungsgemäß geschriebene biographische Einträge verlässliche Quellen besonders wichtig sind, gilt allerdings auch: Hätten Zeitungen und Zeitschriften vorab über Strickland berichtet, hätte das die Chance auf einen Wikipedia-Eintrag deutlich erhöht. Je mehr gute Reportagen über Wissenschaftlerinnen, umso einfacher wird es, Einträge für sie zu erstellen und die Schieflage zu korrigieren. Wikipedia hat hier noch einen längeren Weg vor sich. Aber wer hier nur Wikipedia in der Pflicht sieht, ignoriert das Gesamtbild. MARKUS PÖSSEL

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