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Wissenschaft und Wikipedia : Es geht darum, einen kollektiven Zettelkasten zu pflegen

  • -Aktualisiert am
„Alle Professoren, die ich kenne, nutzen Wikipedia regelmäßig. Aber wenn sie einen Fehler finden, beschweren sie sich, statt ihn zu korrigieren.“
„Alle Professoren, die ich kenne, nutzen Wikipedia regelmäßig. Aber wenn sie einen Fehler finden, beschweren sie sich, statt ihn zu korrigieren.“ : Bild: dpa

Aber es gibt doch eine Verpflichtung, Aussagen zu belegen.

Ja, aber in den Geisteswissenschaften können selbst die abwegigsten Einzelmeinungen in irgendeiner Forschungsliteratur auftauchen. Dann kann man höchstens erwirken, dass die Position im Wikipedia-Artikel als Sondermeinung gekennzeichnet wird. Doch selbst das kann sehr mühsam sein.

Hatten Sie schon ein solches Erlebnis?

Ja. Nachdem die „Zeit“ den Wikipedia-Eintrag „Aufklärung“ verrissen hatte, schrieb ich den Artikel 2010 komplett neu. In den Wochen darauf hatte ich unangenehme bis irritierende Streitereien. Besonders hartnäckig war ein Benutzer, der vom Gesellschaftstanz als treibende Kraft eines neuen bürgerlichen Körpergefühls ausging und den Artikel von dieser These ausgehend komplett umschrieb. Andere fügten liebgewonnene Stereotypen ein.

In der Wikipedia werden Artikel unter der „GNU-Lizenz für freie Dokumentation“ veröffentlicht. Das bedeutet, dass jeder Ihre Texte kopieren, verändern und kommerziell nutzen darf. Stört Sie das?

Nein. Als Wissenschaftler werde ich in der Regel vom Staat bezahlt. Meine eigene Arbeit sollte daher der Allgemeinheit gehören. Ich erlaube der Öffentlichkeit ohnehin, meine publizierte Arbeit frei zu verwenden - sie muss mich lediglich zitieren. Das fordert die GNU-Lizenz auch.

Aber es gibt Verlage, die Wikipedia-Artikel als Books-on-Demand verkaufen.

Ich bin mit einer kommerziellen Nutzung grundsätzlich einverstanden. Ich erhalte ohnehin kein Honorar für meine Publikationen. Wichtig bleibt die Autorennennung.

Seine Urheber offenbart ein Wikipedia-Artikel aber gerade nicht.

Zumindest nicht nach außen - und das ist ein Problem. Wir haben ein statistisches Tool, mit dem wir intern aufschlüsseln können, welcher Nutzer wie viel zu einem Artikel beigetragen hat. Wenn wir in größerem Umfang in einen Artikel eingreifen wollen, ermitteln wir den „Hauptautor“ und kontaktieren ihn. Intern akzeptieren wir, dass wir Autoren haben. Aber wir stehen nicht offen dazu.

Halten Sie hier ein Umdenken für erforderlich?

Ja. Ich denke, es wäre wichtig, zu den Artikeln ein kurzes Autoren-Statement zu verfassen. Nicht, dass der Artikel danach nicht verändert werden darf. Aber die zwei oder drei Hauptautoren könnten sich zusammentun, ihre Beiträge zuordnen und sich, wenn nötig, von einzelnen Aspekten des Artikels distanzieren.

Steht ein Autoren-Statement nicht im Widerspruch zu Wikipedia?

Wir sind an einem Punkt, an dem Wikipedia eine hohe fachliche Qualität bietet. Den Überblick zur „Russischen Literatur“ aber kann kein einzelner Liebhaber oder Student aufbereiten. Ein Professor macht es nicht, weil es seine Reputation gefährdet. Mit einem Autoren-Statement würde das Schreiben auf Wikipedia auch für hochrangige Autoren attraktiv. Das Ziel muss sein, dass Wikipedia die Regeln der namentlichen Verantwortung für Wissen, die in der Öffentlichkeit gelten, aufnimmt. Sonst bleiben wichtige Autorenkreise dauerhaft verschlossen.

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