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„Charlie Hebdo“-Anschlag : Wer trägt Schuld?

„War ist Charlie?“ Das fragt sich Emmanuel Todd in seinem gleichnamigen Buch. Bild: AFP

„Zombie-Katholen“ und „französisches Erwachen“: Nach dem Anschlag auf die „Charlie Hebdo“-Redaktion kursieren wirre Thesen zu Islam, Europa und Antisemitismus.

          3 Min.

          Nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme wandte sich Usama Bin Ladin in Videobotschaften, die er Al Dschazira zukommen ließ, an die Weltöffentlichkeit. Einmal sprach er von „einem Typen“, der den Zusammenbruch der Sowjetunion vorausgesehen habe und den Niedergang Amerikas prophezeie. Bin Ladin dachte an den französischen Autor Emmanuel Todd.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Mit dem Ende des amerikanischen Imperiums lag Todd ziemlich daneben. Jenes der UdSSR hatte er 1976 angekündigt – er selbst spricht von einem „Traum“, in dem es ihm erschienen sei: Der damals 25 Jahre alte Demograph hatte auf dem Sofa seiner Mutter im Geiste die Karten des Kommunismus und der familiären Strukturen übereinandergelegt. Er ist dieser Methode in vielen Studien treu geblieben. Jetzt beschreibt er mit ihren Mitteln die Geographie der französischen Demonstrationen nach den Terroranschlägen im Januar in Paris und betitelt sein Buch: „Qui est Charlie?“.

          Schuld tragen die „Zombie-Katholen“

          Eine hysterische und „leicht totalitäre“ Veranstaltung seien die Solidaritätsmärsche mit vier Millionen Teilnehmern gewesen, befindet Todd. Hinter dem Syndrom legt er die Strukturen der „Longue durée“ frei: Auf die Straße gingen die Mittel- und die Oberschicht, das katholische Frankreich, das sich inzwischen zum Laizismus bekenne, aber noch immer regiere wie vor der Revolution. Um die Ausschließung der Unterschicht sei es gegangen, ganz besonders um die Demütigung der Muslime, der Ärmsten unter den Armen. Für Todd ist „Charlie“ „fremdenfeindlich und islamophob“. Selbst den Euro sieht Todd in der „Soziologie einer religiösen Krise“: Er sei dem Land von „Zombie-Katholen“ aufgezwungen worden, „ein Gott, eine Währung“. Den Islam preist er dagegen als Religion, die das Gebot der Egalité verwirkliche und „zutiefst egalitär“ sei.

          Kein Intellektueller, kein Politiker stimmt Todd zu, einige teilen seine Islamophilie, viele Freunde gehen auf Distanz. Manuel Valls wettert in „Le Monde“ gegen ihn. Der Premierminister hatte sich schon mit Michel Houellebecq und Michel Onfray angelegt, der ihn einen „Kretin“ schimpfte. Todd bemüht Pétain und Vichy. „Wer ist Charlie“ steht ganz oben auf der Bestsellerliste.

          Auch die postumen Werke der ermordeten „Charb“, Stéphane Charbonnier, (über die Islamomophobie) und Bernard Maris (über die Liebe zu Frankreich) verkaufen sich gut. „Katharsis“, das Album von Charbs Nachfolger „Luz“, Renald Luzier, der keine Mohammed-Karikaturen mehr zeichnen will, erscheint in den nächsten Tagen. Dem „Unbehagen in der Unkultur“ („Malaise dans l’inculture“) spürt Philippe Val nach, der als Herausgeber von „Charlie Hebdo“ den Zeichner „Siné“, Maurice Sinet, wegen eines Beitrags über Sarkozys Sohn entlassen hatte. „Antisemitismus“ lautete Vals Begründung, die vom Gericht nicht gestützt wurde. Die Berufung zum Rundfunkdirektor nahm er dankend an.

          Wer ist Charlie – und wer trägt Schuld?

          Zur Zeit der Attentate unterhielt die frühere Ministerin Jeannette Bougrab eine Liaison mit Charb, der deren Familie jegliche Legitimität absprach. Sie unternahm einen Suizidversuch, über den sie bereits ein Buch geschrieben hat: „Maudite“, verdammt, verflucht – einen Erstabdruck gab es in „Paris Match“. Caroline Fourests „Lob der Blasphemie“ hat die Schwelle der 10.000 verkauften Exemplare überschritten. Edgar Morin schrieb „Vor, am und nach dem 11. Januar“. Laurent Joffrin, Chefredakteur von „Libération“, zelebriert die Demonstrationen als „französisches Erwachen“: „Le réveil français“. Abdennour Bidar veröffentlicht ein „Plädoyer für die Brüderlichkeit“. „Wir sind Charlie“ hatten fünfzig Schriftsteller schon im März in einem Taschenbuch verkündet.

          Die Thesen nach dem „Charlie-Hebdo“-Anschlag schwanken zwischen Anerkennung und Ablehnung.
          Die Thesen nach dem „Charlie-Hebdo“-Anschlag schwanken zwischen Anerkennung und Ablehnung. : Bild: dpa

          Mindestens fünfzehn Neuerscheinungen sind den Ereignissen gewidmet. Die Verleger mussten viele ihrer Hausautoren, die auch gerne geschrieben hätten, stoppen. „Wären alle diese Menschen auch auf die Straße gegangen, wenn es sich bei den Opfern ausschließlich um Juden gehandelt hätte?“, fragt die Schriftstellerin Éliette Abécassis. Sie hat den Roman „Alyah“ geschrieben, in dem es um die Versuchung geht, nach Israel auszuwandern. Begonnen hatte sie mit dem Buch nach der Ermordung von Juden in Toulouse, für die es keine Massendemonstrationen gab.

          Auf die Vernachlässigung der Toten im jüdischen Supermarkt verweist auch Emmanuel Todd. Er nennt als Grund den vermeintlichen Antisemitismus der katholischen Kirche und die langen Schatten des Vichy-Regimes. Todd und andere Essayisten vergleichen die herrschende Islamophobie mit dem Antisemitismus. Doch in den dreißiger Jahren gab es kein fanatisches Judentum, das der Welt mit einem heiligen Krieg seine Gesetze aufdrängen wollte. Es gab keinen jüdischen Bin Ladin und keine jüdischen Terroristen, die mörderische Attentate verübten.

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