https://www.faz.net/-gqz-85w88

Neue Video-App : Wird Beme das neue Snapchat?

  • -Aktualisiert am

Teenager mit Handys Bild: AFP

Mit Beme, einer App zum unmittelbaren Teilen von Videoclips, will Casey Neistat soziale Netzwerke neu erfinden. Die tastenlose Bedienung und das Feedback per Selfie sind vielversprechend.

          Soziale Netzwerke ermöglichen es dem Nutzer, eigene Inhalte zu produzieren und sich mit Statusmeldungen, Fotos und Videos für die eigene, kleine „Mikro-Öffentlichkeit“ zu inszenieren. Dabei geschieht wenig so spontan, wie es wirken soll. Mit der App Beme (sprich: Beam), deren erste Version seit Kurzem für iOs verfügbar ist, will Casey Neistat das Rad der Selbstinszenierung wieder zurückdrehen. Letztlich teilten wir in den Netzwerken nur noch „gefilterte und sorgfältig ausgewählte Bilder von uns“, sagt Neistat im Promo-Clip zu der neuen Video-App. Diese mache unser digitales Ich wieder authentischer, da jedes aufgenommene Video sofort mit der Community geteilt wird. Eine Vorschau oder gar Bearbeitung der Clips ist nicht möglich.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Das Programm ist sowieso ziemlich schlank gestaltet: Die möglichen Aktivitäten sind übersichtlich. Die einzige Oberfläche ist eine schlichte Auflistung der aktuellsten Bemes, ähnlich einem Twitterfeed. Profile oder gar Profilbilder kann man weder anlegen noch einsehen.

          All das ist nichts Neues

          Neistat ist ein Experte der Selbstinszenierung. Er veröffentlicht täglich Fotos auf Instagram und zahllose Videos über seinen Youtube-Kanal. Womöglich ist der Filmemacher und Videoblogger es selbst leid, sich immer besser, immer professioneller inszenieren zu müssen. Mit Beme wird jede Aufnahme quasi live geteilt, auch wenn der Sonnenuntergang oder der Selfie-Fotograf nur jeweils halb zu sehen sind. Halb so schlimm, wenn ein Video misslingt, da es von jedem Nutzer nur einmal angesehen werden kann. Mit dem Konzept des unmittelbaren und nicht wiederholbaren Reizes ermöglicht Beme das genaue Gegenteil von On-Demand-Angeboten wie etwa Netflix oder Youtube. Vorbei sind die Zeiten, in denen das Internet nichts vergessen hat. Vorbei Walter Benjamins Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit.

          Nur ist das alles nichts Neues. Wer auf Snapchat ein Foto geschickt bekommt, kann dieses auch nur ein paar Sekunden lang sehen. Und mit den leicht bedienbaren Live-Streaming-Apps Periscope und Meerkat können auch Laien ihre Online-Gefolgschaft noch unmittelbarer an ihrem Leben teilhaben lassen als mit Beme.

          Ohne Blick auf das Display

          Bemes Vorteil gegenüber Snapchat ist, dass jegliche Inhalte mit allen Followern geteilt und nicht direkt an einzelne versandt werden. Das könnte der App helfen, nicht wie andere Anwendungen durch eine Flut an Penisbildern in die Schmuddelecke der sozialen Netzwerke abzurutschen. Allerdings ist die aktuelle Version noch nicht frei von Bugs, immer wieder werden Nutzer aufgefordert, ihren Account mit einer Telefonnummer zu verifizieren, was allerdings noch nicht funktioniert. Dramatischer ist allerdings, dass die App ihre Nutzer nicht daran hindert, beim Schauen der Clips Screenshots aufzunehmen. Diese Funktion torpediert die Idee der Anwendung. Falls der Fehler nicht behoben wird, könnte Bemes Erfolg schon schnell vorbei sein.

          Dennoch ist die Bedienung der App überraschend intuitiv. Ohne einen Blick auf das Display bewegte Bilder veröffentlichen zu können, ist die tatsächliche Innovation. Um ein Video aufzunehmen und zu teilen, braucht man keine einzige Taste. Die Aufnahme wird gestartet, sobald man das Display des iPhones bedeckt, etwa indem man es sich an die Brust oder an eine Wand hält. Der Näherungssensor erledigt den Rest: Aufnahme starten und nach fünf Sekunden wieder stoppen. Die Software beginnt dann unmittelbar mit der Übertragung des Videos.

          Differenziertes Feedback via Selfie

          Wem der Clip eines Freundes gefällt, der kann seine Meinung nicht wie bei anderen Plattformen mit Herzen, Sternchen oder Likes öffentlich kundtun. Auch auf eine Kommentarfunktion wird verzichtet. Wie man das Video findet, kann man stattdessen nur mit Selfies zum Ausdruck bringen, die man noch beim Schauen von sich schießt und ebenso direkt und ausschließlich an den Macher des Clips zurückschickt.

          So differenziert und unmittelbar wird der erhobene Daumen niemals sein. Allerdings entzieht die App ihren Nutzern damit auch die Möglichkeit, Inhalte zu empfehlen, häufig geklickte Clips direkt anzusteuern und somit viral gehen zu lassen. Auch um die App überhaupt nutzen zu können, braucht man einen Zugangscode, den bereits aktive Nutzer oder Casey Neistat auf ihren jeweiligen Blogs und auf Twitter veröffentlichen. Diese Zugangsschranke dient vor allem dem Hype, weniger der „organischen und engen Community“, wie Neistat behauptet. Dank ihrer leichten Bedienung wird Beme jedenfalls mehr als eine „Mikro-Öffentlichkeit“ bekommen. Zumindest bis die nächste innovative App erscheint.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Künast hat sich bei zahlreichen Gelegenheiten von der früheren Position mancher Grüner distanziert.

          Hass-Posts gegen Renate Künast : Erlaubt ist alles

          „Stück Scheiße“, „Schlampe“, „Drecksau“ – solche und noch krassere Kommentare prasselten auf Renate Künast ein. Das Landgericht Berlin sieht darin keine persönliche Schmähung, sondern nur zulässige Sachkritik.
          Die Stadt Sassnitz auf der Insel Rügen hat etwa 9000 Einwohner.

          SPD kooperiert mit AfD : „Ich habe da kein schlechtes Gewissen“

          Immer wieder hat die SPD in Bund und Ländern bekräftigt, mit der AfD nicht zusammenarbeiten zu wollen. In Sassnitz auf Rügen reichen die beiden Parteien aber jetzt gleich sieben Anträge gemeinsam ein.

          Prozess um Steuerskandal : Streit über Rolle der Depotbank im Cum-Ex-Wirrwarr

          Der aktuelle Cum-Ex-Prozess am Landgericht Bonn wirft Fragen auf: Wer hätte wann Steuern einziehen sollen? Und wer hätte das wissen müssen? M.M.Warburg und die Deutsche Bank liegen in ihrer Einschätzung sehr weit auseinander.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.