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Detlev Buck-Film bei Netflix : Herrmanns Schlacht

  • -Aktualisiert am

Schön belämmert im apricotfarbenen Merinostrick: Kostja Ullmann in der Rolle des Samuels Bild: Netflix

Abrechnung auf dem Land: Detlev Buck dreht wie Tarantino und richtet in „Wir können nicht anders“ ein vorweihnachtliches Massaker in der ostdeutschen Provinz an.

          3 Min.

          Abrechnungen sind manchmal einfach fällig. Jetzt, wo die Nichtsnutze weltweit aus den Städten fliehen, weil der Pandemie-Blues die Sehnsucht nach dem idyllischen Landleben stimuliert, darf man wohl noch einmal daran erinnern: Kein Dorf ohne Dörfler, schon gar nicht in Deutschlands Osten. Herrmann (Sascha Alexander Gersack) zum Beispiel hat zwar schon einmal von Amerika gehört, seinen ausgebluteten Landkreis aber noch nie wirklich verlassen, erst recht nicht mental. Das gilt deckungsgleich für den jüngeren Rudi (Merlin Rose): „Ich war doch noch nie irgendwo anders.“ Beide haben sich indes Hals über Kopf in das Exotische verliebt, eine Frau von außerhalb: dummerweise in dieselbe Frau. Allerdings nicht zur selben Zeit. Da ist nun ebenfalls eine Abrechnung fällig. Herrmann, gehörnter Gatte der besagten Femme fatale (Sophia Thomalla) und so großspuriger wie kläglicher Geschäftsmann – seine ganze Vision passt in das Wort „Logistikzentrum“, das zu allem Überfluss an eine andere Gemeinde vergeben wurde –, möchte das Problem mit Würde lösen, aber der klassischen Hinrichtung des Liebhabers im Wald stolpert ein bebrillter Quadrat-Städter in den Weg.

          Wie Samuel (Kostja Ullmann, schön belämmert im apricotfarbenen Merinostrick) in diese Situation geraten konnte, erklärt die Exposition. Der Literatur-Juniorprofessor („Und das ist ein Beruf?“) erlag nämlich spiegelbildlich zu den Landeiern einer Schönheit vom Dorfe, der nicht ganz zufällig wie eine blondierte Version von Mia Wallace aus Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ frisierten Edda Köhler (Alli Neumann), die ihren gerade erst kennengelernten (im Sinne von: abgeschleppten) Freund überredet hat, sie zum Geburtstag des lange nicht mehr besuchten Vaters zu begleiten. Zu allem Überfluss ist auch noch Weihnachten. So weit, so üblich für eine deutsche Culture-Clash-Rumpelkomödie.

          Eine Dorfbeerdigung, bei der man sich besser schnell betrinkt

          Rudi und Sam entkommen, aber Herrmann und seine Schergen – offiziell: Mitarbeiter – sind ihnen auf den Fersen, was sich zu einer makaber tödlichen Verfolgungsjagd entwickelt. Schlauer geworden ist Rudi freilich nicht. Er rennt, ein Heros der Schlichtheit, schnurstracks ins Verderben: „Wer liebt, der kann nicht verlieren.“ Na ja, kann er doch. Edda fahndet ihrerseits nach dem verlorenen Liebhaber, wobei Oberlippenbart-Frank (Frederic Linkemann), der hormonpralle Dorfpolizist („Auf vier Männer kommt hier eine Frau, findest du das fair?“), ihr kaum eine Hilfe ist. Einer der Orte, an denen die Handlungsstränge sich kreuzen und die unwahrscheinlichste Wendung nehmen, ist Vater Köhlers Geburtstagssause: Den im Rollstuhl sitzenden Alten, Bürgermeister des fiktiven Ost-Kaffs, spielt müden Blicks Detlev Buck selbst.

          Auch Peter Kurth, Karsten Mielke und Bernd Hölscher geben ihren Ulk dazu; als Dirigent eines meschuggen Kling-Glöckchen-Chors wurde gar Rammsteins Flake Lorenz requiriert. Doch mangelt es diesem Weihnachts-Liebe-Rache-Film entschieden an dramaturgischem Klingelingeling. Was trotz des ungewöhnlich faden Plots (Drehbuch: Buck und Martin Behnke) gut funktioniert, ist, was bei Bucks Filmen immer gut funktioniert (fast so sicher wie bei den Coen-Brüdern): der lakonische Wortwitz. Flucht etwa bringt ganz eigene Probleme mit sich, wenn man noch nie raus war: „‚Fahr doch an die Ostsee.‘ ‚Was soll ich denn jetzt an der Ostsee?‘“ Und inmitten des blutigen Finales eine Unterhaltung über die auf dem Dorf entgeistert zur Kenntnis genommenen Besoldungsstufen der Hochschulen („Und ich reiß mir hier den Arsch auf?“), das ist schon lustig.

          Zugleich durchzieht ein nostalgisches Lüftchen die Szenerie, die sich nicht nur am frühen Tarantino orientiert – dem, der noch keine schrägen Geschichtsepen drehte, sondern Ballerfilme mit Herz und Stil –, sondern auch am frühen Buck – dem, der noch keine Erfolgskomödien machte, sondern subversives Bauernkino. An „Karniggels“ (1991) darf man denken, einen Schrammelfilm vor Kuhkulisse, aber zum direkten Vergleich lädt – vom Titel bis zur Choreinlage – „Wir können auch anders“ (1993) ein, Bucks wundersamer Banditenfilm (Król!, Krause!, Rois!), der mit liebenswürdig verlorenen Figuren den wilden deutschen Osten umpflügte und sogar ein Jahr vor „Pulp Fiction“ herausgekommen ist. Da war ein Regisseur, dem man alles zutraute, der auch anders zu können schien. Drei Jahrzehnte später sagt er nun: Nö. Anders kann er doch nicht (mehr). Rutscht mir den Buckel runter, hat euch doch immer gefallen. Das macht Herrmanns Schlacht, so routiniert komisch die wohlberechnete Absurdität abschnurrt, auch zu einer leicht traurigen Angelegenheit. Eine Dorfbeerdigung, bei der man sich besser schnell betrinkt.

          Wir können nicht anders, bei Netflix

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