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Winkelzüge eines Medienzars : Rupert Murdochs neue Seiten

  • -Aktualisiert am

Rupert Murdoch, Ende vergangener Woche in London Bild: AFP

„News of the World“ war gestern, „Sun on Sunday“ kommt am Wochenende. Rupert Murdoch zeigt sich gönnerhaft und jovial, kämpft inmitten des Abhörskandals aber ums Überleben.

          3 Min.

          Wenn Rupert Murdoch persönlich eingreift, wie das jetzt im Zusammenhang mit dem Abhör- und Korruptionsskandal schon wieder der Fall ist, gilt es, die Zeichen zwischen den Zeilen zu lesen. Denn der alte Fuchs operiert auf mehreren Ebenen. Zunächst einmal galt es, eine Krise bei der „Sun“ zu entschärfen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Im Stil eines Oberbefehlshabers, der seine Truppen im Feld besucht, kam der in New York ansässige Firmenchef angereist, verbrachte mehr als sieben Stunden in der Zentrale von News International, dem britischen Arm seiner Mediengruppe News Corporation, machte in der Redaktion der „Sun“ gut Wetter, erklärte pathetisch, die Zeitung sei ein Teil von ihm, und kündigte als Ersatz für die wegen des Abhörskandal eingestellte „News of the World“ eine neue Sonntagszeitung an, die „Sun on Sunday“, die „sehr bald“ erscheine.

          „Sehr bald“ heißt: am kommenden Wochenende. Von nun an ist die „Sun“ das Herzstück von Murdochs britischem Zeitungsimperium, eine Sieben-Tage-Operation. Künftig werde jeder Tag ein Sonnentag sein, kalauert die „Sun“ am Montag.

          Den Wölfen zum Fraß vorgeworfen?

          Mit seinem Vormarsch hat Murdoch eine Meuterei bei der „Sun“ abwenden wollen. Nach der Festnahme von fünf Kollegen, die verdächtigt werden, Polizisten und andere Beamte bestochen zu haben, und nach Hausdurchsuchungen im Morgengrauen hatte die Redaktion den Eindruck, die Geschäftsführung werfe sie den Wölfen zum Fraß vor. Die Razzien und die Festnahmen erfolgten nämlich aufgrund von Informationen, die das interne, zur Aufklärung des Abhörskandals berufene News-Corp-Gremium der Polizei übergeben hatte.

          „Die ganze Woche über Sonne“: Die Tageszeitung „Sun“ kündigt das Wochenblatt „Sun on Sunday“ an
          „Die ganze Woche über Sonne“: Die Tageszeitung „Sun“ kündigt das Wochenblatt „Sun on Sunday“ an : Bild: REUTERS

          Diese Gruppe durchforstet Millionen von elektronischen Mitteilungen, Spesenabrechnungen und Telefonprotokolle nach Beweisen, dass News-International-Journalisten sich Informationen von öffentlichen Angestellten erkauft haben könnten.

          Die Kommission geht umso beflissener vor, da sich der Konzern von dem Makel befreien will, er suche den Skandal durch die Vernichtung von belastendem Material zu vertuschen. Die Polizei ist ihrerseits eifrig bei der Sache, um ihren durch die unziemliche Nähe zu News International ramponierten Ruf wiederherzustellen. Bei der Belegschaft der „Sun“ haben die frühmorgendlichen Hausdurchsuchungen Empörung hervorgerufen.

          Sie würden wie Mitglieder einer kriminellen Bande behandelt, schimpfte Trevor Kavanagh, der stellvertretende Chefredakteur der „Sun“. Er sprach von einer „Hexenjagd“ und klagte, dass es in England um die Pressefreiheit schlechter bestellt sei als in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Viele sehen einen Eckpfeiler des journalistischen Gewerbes, nämlich den Schutz der Anonymität von Informanten, durch die von Murdoch veranlasste interne Prüfung gefährdet. Mitglieder der Journalistengewerkschaft erwägen sogar eine Klage.

          Ein heuchlerischer Überläufer

          Sie werden von dem Menschenrechtsanwalt Geoffrey Robertson unterstützt, der Murdoch - bezeichnenderweise in der zu News International gehörenden „Times“ - beschuldigte, den Schutz aufzugeben, den das Parlament Journalisten zur Wahrung ihrer Quellen gewähre. Robertson nennt es eine rechtliche und moralische Pflicht, Quellen nicht preiszugeben. Es sei sogar nicht rechtswidrig, Beamte für Informationen zu bezahlen, wenn dies öffentlichem Interesse diene.

          Als besonders heuchlerisch wird das Verhalten von Will Lewis empfunden, dem vom „Daily Telegraph“ zu News International gewechselten Mitglied des internen Kontrollgremiums. Als Chefredakteur des „Telegraph“ war Lewis für die Offenlegung der Spesenmissbräuche von Abgeordneten verantwortlich. Er weigerte sich stets, die Identität des Informanten preiszugeben, der 150.000 Pfund erhalten haben soll. Das passe schlecht zu seiner jetzigen Bereitschaft, der Polizei zuzuarbeiten.

          Um die Redakteure der „Sun“ zu beschwichtigen, hat Murdoch die Suspendierung der festgenommenen und gegen Kaution freigelassenen Redakteure aufgehoben. Jeder sei unschuldig, solange die Schuld nicht bewiesen sei. Der Verleger bekräftigte allerdings, dass seine interne Kommission mit der Polizei kooperieren und jedes Beweisstück überreichen werde, „nicht nur, weil wir dazu verpflichtet sind, sondern weil es richtig ist“.

          Es geht um die Machtstellung der Familie

          Murdochs Schritte sollen auch amerikanischen Aktionäre und Behörden beeindrucken, die schon ermitteln, ob News Corp gegen amerikanische Gesetze verstoßen hat. Dem börsennotierten Konzern drohen kostspielige Verfahren, es geht um die Machtstellung der Familie Murdoch an sich. Es heißt, Murdoch sei bereit, jeden Preis zu zahlen, um in Amerika mit weißer Weste dazustehen. Der Verkauf seiner britischen Zeitungen sei nicht auszuschließen.

          Dass Murdoch in London von seinem ältesten Sohn Lachlan begleiten wurde, erregte besondere Aufmerksamkeit: Lachlan war zugunsten seines jüngeren Bruders James entmachtet worden. James ist unter anderem für das englische Zeitungs- und Fernsehgeschäft verantwortlich. Seit dem Abhörskandal, in dem er eine unglückliche Figur machte, steht James unter Druck. Rupert Murdoch hat seine Kinder schon immer gegeneinander ausgespielt. Dieser Tage agiert er wieder einmal mit jener unternehmerischer Schläue, die ihn zum mächtigsten Medienunternehmer der Welt werden ließ. Doch ist keineswegs sicher, dass er das bleibt.

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