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Relotius’ Wikipediaseite : Er wäre gern Karl May

Der „Tagesanzeiger“ hat die Veränderungen auf Claas Relotius’ Wikipediaseite verfolgt - und kommt zu einem interessanten Befund. Bild: EPA

Gefälschte Zeitungsartikel, Relativierungen, fragwürdige Vergleiche: Ein ganzes Sockenpuppenkartell hat die Wikipediaseite zu Claas Relotius manipuliert – und flog auf.

          2 Min.

          Wikipedia-Diskussionsseiten haben normalerweise nicht den Ruf, sonderlich spannende Lektüre zu sein. Ganz anders verhält es sich mit der Diskussion zum Artikel „Claas Relotius“, wie der Schweizer „Tagesanzeiger“ gerade herausgefunden hat, und speziell der Debatte im Abschnitt „Angeblich erfundene Schwester“.

          Dort beginnt alles mit der Behauptung eines Wikipedia-Users namens „PreRap“, Relotius’ ehemaliger Vorgesetzter beim „Spiegel“, Matthias Geyer, erwäge eine einstweilige Verfügung gegen Juan Morenos Buch „Tausend Zeilen Lüge“. Darin schreibt Moreno, Relotius habe eine krebskranke Schwester erfunden, die er pflegen müsse, weshalb er das Angebot einer Festanstellung beim „Spiegel“ zunächst ausgeschlagen habe. Nutzer „PreRap“ löscht den Artikel-Abschnitt mit der Schwester als nicht endgültig belegt und fügt hinzu: „Überdies bin ich der Meinung, dass es ohnehin sensationsgeifernd ist und nicht hierhin gehört.“ Das war am 19. September.

          Nun löscht niemand einfach so Abschnitte aus der Wikipedia, ohne dass sofort aufmerksame Altnutzer aufspringen und nach genauen Quellen fragen. „PreRap“ kann sie nicht liefern, doch der Nutzer „Snapperl“ springt ihm bei und lädt sogar einen Screenshot aus der „Welt“ hoch. Einer angeblichen Meldung der „Welt“-Medienseite vom 19. September zufolge gebe es tatsächlich eine einstweilige Verfügung von Geyer gegen Morenos Buch, und zwar wegen ebenjener erfundenen Schwester.

          Fälscher trieben einen erheblichen Aufwand, um die Wikipediaseite von Claas Relotius zu manipulieren.
          Fälscher trieben einen erheblichen Aufwand, um die Wikipediaseite von Claas Relotius zu manipulieren. : Bild: Screenshot/Wikipedia

          Es ist ziemlich beeindruckend mitzuverfolgen, welchen Aufwand beide Seiten betreiben, um ihre Position zu belegen. Ein Nutzer namens „Alstersegler“ nimmt „Snapperls“ Screenshot auseinander und zweifelt an seiner Echtheit, „Welt“-Abonnent „KurtR“ blättert vergeblich durch die Print-Ausgaben, „Snapperl“ findet das zu paranoid, „Alstersegler“ schließt ein Online-Probe-Abo der „Welt“ ab und wundert sich, dass es an besagtem 19. September überhaupt keine Medienseite im Blatt gab. Kein Wunder, der Screenshot mit allen Artikeln ist eine ziemlich aufwendige Fälschung des Nutzers „Snapperl“ (hier eine archivierte Version). Auf die Frage, ob er damit persönliche Interessen verfolge, antwortet er: „Und nein, ich bin nicht Claas Relotius (und auch kein Titanic-Mitarbeiter)“. Letzteres kann man ihm wohl glauben.

          Am 29. September fliegt nach einigen internen Prüfungen ein Wikipedia-Fälscherkartell auf, das sich unter anderem „PreRap“, „Snapperl“, „Laugwitz“, „Rubbelsnuff“ und „Klußmann“ nennt, ausgerechnet „Klußmann“, die Namensähnlichkeit zum „Spiegel“-Chefredakteur Klusmann ist wohl beabsichtigt. All diese Nutzer sind „Sockenpuppen“, Mehrfachaccounts, die von ein und demselben Computer aus erstellt wurden. Das ist eine bei Wikipedia verbotene Praxis, weshalb alle – natürlich auch wegen ihrer Manipulationen – inzwischen gesperrt wurden.

          Der „Tagesanzeiger“ listet noch weitere Belege auf, die der Sockenpuppen-Clan in den Artikel schmuggeln wollte, Vergleiche mit großen Namen Egon Erwin Kisch, Tom Wolfe, Truman Capote; Relotius sei „der Karl May unserer Tage“, habe da vorübergehend gestanden. Andere Artikel wurden nur bearbeitet, um Konkurrenten wie Hans Leyendecker oder Dirk Kurbjuweit anzuschwärzen. Das Jahrbuch einer Stiftung wurde offenbar gefälscht, um die Existenz eines Relotius-Protagonisten zu belegen. Die Sockenpuppen haben sich in Sachen Identität recht bedeckt gehalten, nur besagter „PreRap“ habe einmal seine IP-Adresse preisgegeben, mit der man den Ort des Nutzers eingrenzen kann. Vieles, so konstatiert der „Tagesanzeiger“, deute auf das norddeutsche Seevetal hin – Relotius’ Heimatort.

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