https://www.faz.net/-gqz-87dw8

Werbung bei Wikipedia : 381 Sockenpuppen entlarvt

  • -Aktualisiert am

Die dunkle Seite des kollektiven Wissens: Wikipedia im Fokus der Werbetreibenden. Bild: dpa

Wikipedia hat 381 Autoren gesperrt, die für das Online-Nachschlagewerk schrieben. Sie verfassten werbewirksame Artikel – gegen Bezahlung.

          Wikipedia-Administratoren haben ein Netzwerk bezahlter Autoren entlarvt. Am Wochenende hat die Online-Enzyklopädie 381 Konten gelöscht, über die Artikel mit werblichem Inhalt erstellt und bestehende Artikel bearbeitet wurden. Die Täter haben gegen Bezahlung werbende Inhalte für ihre Kunden in dem Nachschlagewerk plaziert. Für den Schutz der erstellten Artikel verlangten sie sogar monatliche Zahlungen.

          Am Sonntag löschten Administratoren der englischsprachigen Wikipedia 210 Artikel, die aus dem Netzwerk der sogenannten Sockenpuppen heraus entstanden sind. Darunter waren Texte zu Auto- und Reiseportale sowie wenig prominenten Künstlern. Es konnten lediglich jene werblichen Artikel ausfindig gemacht und entfernt werden, die seit April bearbeitet oder erstellt wurden. Es steht zu befürchten, dass die bisher unbekannten Täter auch zuvor zahlreiche Texte mit werbenden Inhalten verfasst haben, die in der riesigen Anzahl an Artikeln schwierig auszumachen sein werden.

          Geübte Wikipedia-Autoren

          Eine Abfrage der IP-Adressen zeigte, dass sich die meisten am Missbrauch beteiligten Accounts über dieselben Computer einloggten. Das deutet darauf hin, dass nur wenige Personen beispielsweise eines Unternehmens hinter den 381 Konten steckten. Die Manipulanten hatten sich als Wikipedia-Administratoren ausgegeben und Wikipedia-Autoren Hilfe angeboten, deren Texte wegen werblicher Inhalte entfernt wurden. Die fragwürdige Methode flog erst auf, als Beschwerdemails bei der Wikimedia-Foundation eingingen, da Artikel trotz der Schutzgeldzahlungen gelöscht wurden.

          Obwohl zunächst alle Internetnutzer an Wikipedia mitschreiben können, ohne ihre Emailadresse angeben zu müssen, werden Trolle oder unerwünschte Werber zumeist schnell erkannt. Oftmals fallen Beiträge von unbekannten Musikern oder kleinen Unternehmen durch die Prüfung der Administratoren und werden wegen mangelnder Relevanz gar nicht erst veröffentlicht. Die nun bekannt gewordene Wettbewerbsverzerrung ist einer der größten bisher dokumentierten Betrugsfälle und konnte so lange unentdeckt bleiben, weil die bezahlten Autoren im Gegensatz zu vielen Eigenwerbern die Abläufe und Standards der Community deutlich besser kannten. So versahen die geübten Wikipedia-Autoren ihre Inhalte teilweise sogar mit mehr Quellen, als es sonst üblich ist. Auch untereinander waren die Texte verlinkt, um sich gegenseitig zu stützen. Nach aktuellem Stand sind allerdings keine Wikipedia-Mitarbeiter in die Angelegenheit verstrickt.

          Vertrauensverlust

          Die Nutzungsbedingungen verbieten es nicht, gegen Bezahlung für die Enzyklopädie zu schreiben. Allerdings müssen die Autoren das kenntlich machen und die Inhalte den Standards des Portals natürlich entsprechen. Auch in der deutschsprachigen Wikipedia wurden bereits Sockenpuppen entlarvt, bei denen diese Neutralität nicht gegeben war. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Netzwerk Wikipedia weiterhin von bezahlten und dadurch einseitigen Inhalten durchzogen ist. Mit Skandalen wie diesem verspielt die Wissensplattform, die ohnehin mit einbrechenden Klickzahlen zu kämpfen hat, das Vertrauen der Nutzer. Diese wiederum tun gut daran, Informationen von Wikipedia nicht unhinterfragt zu lassen.

          Weitere Themen

          „Castle Rock“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Castle Rock“

          „Castle Rock“ läuft ab dem 25. Januar auf Starzplay.

          Topmeldungen

          Wie schädlich sind Stickoxide? Darüber wird gerade heftig gestritten.

          Feinstaub-Debatte : Auf Stromlinie

          Die Umweltpolitik ist besonders anfällig dafür, Wissenschaft zu verformen. Doch gerade auf diesem Feld ist die Politik auf Vertrauen angewiesen. Die Debatte um Diesel-Fahrverbote droht dies nachhaltig zu zerstören. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.