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Wikileaks veröffentlicht diplomatische Dokumente : Alles soll verfügbar sein

Was die amerikanischen Notizen zu deutschen Politikern zutage fördern, wiegt leicht im Vergleich zu den Informationen und Einschätzungen aus dem Nahen Osten Bild: dpa

Was folgt aus der Veröffentlichung von rund 250.000 Dokumenten amerikanischer Diplomaten? Die „New York Times“ rechtfertigt sie als Staatsaktion. Timothy Garton Ash schreibt im „Guardian“. Frankreich amüsiert sich. Und „El Pais“ dreht ein Video.

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          New York, 29. November: Kein geübter Leser käme in Versuchung, Skizzen für einen Roman mit dem künstlerischen Endprodukt zu verwechseln. In Skizzen spiegeln sich erste Gedanken, Gedankenexperimente und Eindrücke, die oft wieder verworfen oder zumindest abgeändert werden, die mögliche Wege aufzeigen, aber bestimmt nicht vorschreiben, dass der Autor sie auch einschlägt. Die diplomatischen Skizzen, die nun von Wikileaks mit Hilfe europäischer und amerikanischer Traditionsmedien veröffentlicht wurden, sollen uns aber auf einmal den wahren Kern der Diplomatie der Weltmacht Amerika vor Augen führen. Natürlich kann das nicht der Fall sein, auch wenn uns versprochen wird, dass die „Geheimdepeschen die Weltsicht der USA enthüllen“ oder wir in einer „Geheimchronik der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Welt in einem Zeitalter des Kriegs und des Terrorismus“ schmökern dürfen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Keine Frage, die Einblicke, die uns gewährt werden, sind atemberaubend. Aber vergessen sollten wir dabei doch nicht, dass es ein Blick in die diplomatische Küche ist, den wir hoffentlich vertrauenswürdigen Gewährsleuten verdanken, die hoffentlich all die Hunderttausende von Dokumenten tatsächlich gelesen und studiert haben. Vor uns wird gleichwohl nicht das fertige Diner ausgebreitet, wie es vom amerikanischen Außenministerium nach sorgfältiger Erwägung zusammengestellt wurde, sondern die Vorarbeit dafür, wie sie dessen Köche und Kellner geleistet haben. Auch das ist Grund genug für die „New York Times“, als einzige Publikation in Amerika über die nächsten Tage etwa hundert Dokumente, einige ediert, einige unediert, auf ihrer Website zu veröffentlichen.

          Freimütigkeit ist kein Grund zur Zensur

          In einem Hinweis für ihre Leser rechtfertigt die Zeitung sich so: „,The Times' glaubt, dass die Dokumente einem wichtigen öffentlichen Interesse dienen, indem sie Ziele, Erfolge, Kompromisse und Frustrationen amerikanischer Diplomatie in einer Weise erhellen, wie es andere Berichte nicht vermögen.“ Nicht veröffentlicht, so die Zeitung, würden Informationen, die verdeckte Informanten oder die nationale Sicherheit gefährden könnten. Was zurückbehalten wurde, sei anderen Nachrichtenorganisationen und auch Wikileaks mitgeteilt worden. Freilich kann kein Blatt und kein Blog gezwungen werden, sich dem Vorgehen der „Times“ anzuschließen. Auch die Regierung Obama wurde im voraus informiert und gebeten, Vorbehalte anzumelden.

          Im Wind: Die amerikanische Flagge auf dem Dach der Botschaft in Berlin

          Das Weiße Haus habe folglich die Veröffentlichung des Geheimmaterials verurteilt, dennoch Vorschläge für weitere Redigate unterbreitet. Davon habe die „Times“ einige, aber keineswegs alle befolgt: „In der Regel veröffentlichen wir keine Geheiminformation, wenn dadurch verdeckte Informanten Vergeltungsmaßnahmen ausgesetzt oder nachrichtendienstliche Operationen enthüllt würden, die sich Kriegsgegnern als nützlich erweisen könnten. Wir nehmen Material heraus, von dem zu erwarten wäre, dass es Terroristen zu ungesicherten Waffenvorräten führte, Ermittlungen des Nachrichtendiensts über feindliche Nationen beeinträchtigte oder über die amerikanische Schlagkraft Informationen preisgäbe, die einem Feind zugutekämen.“ Aber: „Wir neigen weniger dazu, freimütige Bemerkungen zu zensieren, nur weil sie diplomatische Kontroversen hervorrufen oder Beamte in Verlegenheit bringen könnten.“

          Zukunftssicherung und -gefährdung

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