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Wikileaks : Eine diplomatische Bombe

Klatsch über Deutschland, brisantes Material über Saudi-Arabien: die neue Offensive von Wikileaks Bild: REUTERS

Die neue Offensive von Wikileaks ist eine diplomatische Bombe, die kaum zu entschärfen sein wird. Von wirklich aufklärerischem Wert werden die Konvolute von Wikileaks aber erst dann sein, wenn sie uns hinter die Kulissen diktatorischer Regime schauen lassen.

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          Deutsche Politiker kommen nach bisherigem Stand der Erkenntnis bei der Veröffentlichung amerikanischer Diplomatenpost durch Wikileaks glimpflich davon. Die Bundeskanzlerin muss sich den Spitznamen Angela „Teflon“ Merkel und den Satz gefallen lassen, sie sei nicht sehr kreativ. Außenminister Guido Westerwelle gilt als unerfahren und von überschießendem Temperament, Horst Seehofer als orientierungslos und Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel als „schräge Wahl“. Mehr als Klatsch unter – distanzierten – Freunden ist das nicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Anders verhält es sich bei den kolportierten Einschätzungen amerikanischer Diplomaten aus dem arabischen Raum. Das in Saudi-Arabien angeblich vorhandene Drängen, Iran anzugreifen, ist eine diplomatische Bombe. Sie wird kaum zu entschärfen sein. Trotzdem stellen sich mit der dritten Online-Offensive von Wikileaks abermals Grundsatzfragen. Der Zeugenschutz – eine journalistische Conditio sine qua non – ist bei der Unzahl von Dokumenten nicht mehr zu gewährleisten. Auch fällt die Einordnung der vielen anonymen Einlassungen schwer. Wir wissen oftmals nicht, wer da spricht und was es bedeutet, die Informationen werden einfach geflutet. Ihre massenhafte Veröffentlichung kann zudem genau jene Krisen heraufbeschwören, deren Zustandekommen Wikileaks als Weltveröffentlichungspolizei angeblich verhindern will.

          Aufklärung in freien Ländern

          Auch wenn der Wikileaks-Gründer Julian Assange, der gerne als Heilsfigur auftritt, derlei Einwände bislang abtat, müssen sich seine journalistischen Partner damit befassen. Der „Spiegel“, sagt dessen Chefredakteur Georg Mascolo, unternehme genau dies. „Wir haben“, sagt er, „von Beginn an darauf bestanden, allein darüber zu urteilen, wie wir mit dem Material umgehen, was wir veröffentlichen und was wir nicht veröffentlichen. Was im ,Spiegel‘ steht, entscheidet allein die Redaktion des ,Spiegels‘. Wikileaks erfährt nicht, wie unsere Geschichten aussehen. Wikileaks sieht das Ergebnis erst, wenn unser Heft zu kaufen ist. Es wird nur eines mit Wikileaks abgestimmt, und das ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung.“ Auch stimme es nicht, wie da und dort kolportiert wird, dass für die Informationen Geld fließe, etwa über Spenden: „Wir haben Wikileaks kein Geld gespendet“, sagt Mascolo. Dass sich Wikileaks der Expertise von Journalisten bedient, ist ein Fortschritt, garantiert aber nicht, dass nicht auch durch diesen Filter Informationen rutschen, die niemandem nützen, sondern nur schaden.

          An den Konvoluten zum Krieg im Irak und in Afghanistan ist das Bemerkenswerteste bisher, dass die Geschichte nicht neu geschrieben werden muss. Dass Journalisten mit Wikileaks überfordert sind, wird auch offenbar. In den „Tagesthemen“ hieß es am Sonntag sinngemäß, jetzt wüssten wir, was Amerika über die Deutschen denkt. Doch wissen wir das jetzt wirklich? Und über eines sollte man sich klar sein: Wikileaks räubert bislang allein in den Datenbeständen eines freien Landes. Von wirklich aufklärerischem Wert sind die Online-Konvolute erst, wenn sie uns hinter die Kulissen unterdrückerischer Regime schauen lassen. Doch darauf werden wir wahrscheinlich lange warten. Die Dossiers der iranischen Administration dürften wohl kaum zweieinhalb Millionen Menschen per Mausklick zugänglich und frei fürs Copy-and-paste-Verfahren sein.

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