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Persönliche Daten : Wikileaks bringt Frauen in Gefahr

  • -Aktualisiert am

Wikileaks verlinkte eine Aufstellung privater Daten sämtlicher weiblicher Wahlberechtigter fast aller türkischen Provinzen. Es ist nun ein Leichtes, die Daten zu missbrauchen oder türkische Frauen aufzuspüren. Bild: AFP

Wikileaks enthüllt ohne Rücksicht auf Verluste. Wer in den veröffentlichten E-Mails der AKP und amerikanischen Demokraten sucht, findet jede Menge Daten. Das ist besonders für Frauen gefährlich.

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          Wikileaks macht mit zwei Coups wieder von sich reden: Erst stellte die Enthüllungsplattform nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei knapp 300.000 E-Mails aus Postfächern der Erdogan-Partei AKP ins Netz, dann veröffentlichte sie kurz vor dem Parteitag der amerikanischen Demokraten mehr als 20.000 Mails, die ranghohe Mitglieder des Democratic National Committee zwischen Januar und Mai verschickt hatten.

          Die Mails der Demokraten offenbarten, dass die Parteiführung weit weniger neutral handelte, als sie hätte handeln müssen, und Hillary Clinton dabei unterstützte, Präsidentschaftskandidatin ihrer Partei zu werden – zu Lasten des Bewerbers Bernie Sanders. Der Inhalt der AKP-Mails schien weniger brisant. Dass türkische Behörden Wikileaks umgehend nach der Veröffentlichung des Schriftverkehrs sperrten, befeuerte zwar den Verdacht, dass er explosives Material enthalten könnte. Doch statt Enthüllungen und handfester Beweise für Vergehen des Präsidenten und seines engsten Kreises fanden sich im Datensatz vor allem Nachrichten einfacher Bürgern an Abgeordnete. Interessant ja, brisant scheinbar nicht.

          Doch genau an diesem „scheinbar“ scheiden sich die Geister. Wikileaks hat, so ein Vorwurf der türkisch-amerikanischen Soziologin und „New York Times“-Autorin Zeynep Tufekci, tatsächlich Brisantes zutage gefördert. Jedoch von ganz anderem, ethisch äußerst fragwürdigem Kaliber. Abgesehen von den E-Mails, verbreitete die Plattform offenbar Links zu mehreren Datenbanken mit privaten Informationen von Millionen Türken, darunter eine Liste aller AKP-Mitglieder. Vor allem eine dieser Datenbanken sei bedenklich, schreibt Zeynep Tufekci in der „Huffington Post“, weil sie eine Aufstellung privater Daten sämtlicher weiblicher Wahlberechtigter für die Parlamentswahl im November 2015 enthalte – und das für 79 von 81 türkischen Provinzen. In der Liste finden sich: Namen, Adressen und Telefonnummern, bei weiblichen AKP-Mitgliedern sogar die Bürgeridentifikationsnummer.

          Leak gibt Kontaktdaten preis

          Diese Liste zu verbreiten, schreibt die Wissenschaftlerin, sei ein verantwortungsloser Akt ohne Nutzen für die Öffentlichkeit. Nicht nur, weil nun private Daten für jedermann abrufbar wären, sondern weil sie für Identitätsdiebstähle oder Racheaktionen nach dem gescheiterten Putsch missbraucht werden könnten. Für Frauen gehe von der Veröffentlichung besondere Gefahr aus: In der Türkei werden jedes Jahr Hunderte Frauen ermordet, viele tausend verstecken sich vor ihren Familien, Ehemännern oder Ex-Partnern. Mit Hilfe der nun öffentlich gemachten Datenbank sei es nun ein Leichtes, diese aufzuspüren.

          Auch das Leak mit E-Mails der amerikanischen Demokraten enthält private Daten: Details zu Groß- und Kleinspendern der Partei, enthalten in automatisierten Anmeldemails von deren Spendenwebsite. Es ist vergleichsweise einfach, diese personenbezogenen Informationen zu sammeln und anderweitig einzusetzen. Zeynep Tukefci ist derweil auf Twitter zum Ziel eines veritablen Shitstorms geworden. Wikileaks stritt ihre Vorwürfe ab und beschuldigte die langjährige AKP-Kritikerin als Erdogan-Verteidigerin. Nach ausgiebigen Diskussionen über den Kurznachrichtendienst, in denen sie ihren Standpunkt verteidigte, brach Wikileaks auf Twitter seinen Kontakt zum Account der Kritikerin ab. Die auf den eigenen Kanälen verbreiteten Links zu den Datenbanken hat Wikileaks in der Zwischenzeit offenbar entfernt. Ob es sich dabei um späte Einsicht oder den Versuch der Spurenverwischung handelt, weiß Wikileaks allein. Im Fall des Mail-Leaks der demokratischen Partei hat das FBI inzwischen Ermittlungen gegen Wikileaks eingeleitet. Sie richten sich jedoch nicht gegen die Veröffentlichung privater Daten, sondern auf den Verdacht, russische Hacker hätten die Mailkonten geknackt.

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