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Netzneutralität : „Es gibt kein Internet ohne Kontrolle“

Wo bleibt die Autonomie, wenn das Auto selbst fährt? Designstudie des „Rinspeed XchangE“, eine Art fahrendes Wohnzimmer Bild: Rinspeed

Wo bleibt die Politik, wenn längst überall die Maschinen Entscheidungen treffen? Und wieso ist Netzneutralität so wichtig? Ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Florian Sprenger.

          6 Min.

          Das Internet galt lange als Ort freier Kommunikation. Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden hat sich dieser Eindruck geändert. War die Vorstellung eines unreglementierbaren Raums der Kommunikation immer ein Missverständnis?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man muss hier, glaube ich, sehr genau differenzieren, was man mit Reglementierung meint, und zwar auf der Grundlage der konkreten Technologien. Einen unreglementierten Raum der Kommunikation gibt es in diesem Sinne auch in unserer Alltagskommunikation nicht, weil wir uns immer an Regeln, Konventionen und Protokolle halten. Sie setzen fest, was von wem gesagt werden kann und wer sprechen darf. Daraus, wer mit wem kommunizieren darf, ergibt sich unser Handlungsspielraum. Im Internet aber werden die Entscheidungen darüber, wer mit wem kommunizieren kann, von Servern anhand von Protokollen getroffen. Ich nenne das Mikroentscheidungen. Wichtig ist, dass wir diese automatisierten Entscheidungen nicht von vornherein verdammen, denn sie sind die Grundlage des Internets. Eine gegenwärtige Politik der Netzwerke muss sich um diese Mikroentscheidungen drehen, denn von ihnen hängt ab, wer wie mit wem verbunden sein kann.

          Heißt das, dass sich auch die Möglichkeit der Überwachung genau den Bedingungen verdankt, die das Funktionieren des Netzes garantieren? Dass sie sozusagen in die Architektur des Netzes eingeschrieben ist?

          Wichtig ist auch hier, dass man zwischen Kontrolle und Überwachung unterscheidet. Kontrolle ist der Akt der Weiterverteilung von in einzelne Pakete unterteilten Daten an einem Internetknoten. An jedem Knoten wird die Übertragung kurz unterbrochen, und in dieser Unterbrechung wird anhand von Protokollen entschieden, wie die Pakete weitergeleitet werden. Dafür ist Kontrolle nötig. Das heißt: Ein Internet ohne Kontrolle gibt es nicht. Die entscheidende Frage, sowohl für die Netzneutralitätsdebatte als auch für die Überwachung der NSA, ist aber, nach welchen Kriterien diese Pakete verteilt werden. Man kann das entweder tun, indem man nur in die Header schaut, also gewissermaßen auf den Adressschein, oder aber indem man in die Pakete selbst hineinschaut und sie abhängig von den Inhalten schneller, langsamer oder auch gar nicht überträgt – oder sie eben speichert und überwacht. Es gibt also nicht nur kein Internet ohne Kontrolle, sondern auch keine digitale Übertragung ohne Machtausübung.

          Viele Telekommunikationskonzerne fordern derzeit, das Prinzip der Netzneutralität aufzugeben, also die Regel, dass alle Daten bei der Übertragung im Internet gleich behandelt werden. Hieße das zwangsläufig, dass man alle Datenpakete öffnen muss? Könnte man nicht einfach einen Vermerk in den Header schreiben, so wie bei Briefen, die als „priority mail“ geschickt werden?

          Die Möglichkeit gibt es. Aber es gibt keine Instanz, die das kontrollieren kann. Es gibt nur die Protokolle, die auf den Servern an den Knoten angewandt werden. Jeder Nutzer – oder jedes Programm – könnte beliebige Angaben draufschreiben. Wenn man priorisieren will, muss man die Pakete öffnen. Das ist zwar auch jetzt schon möglich, aber es ist vom Protokoll nicht vorgesehen. Es ist eher eine Konvention, dass man nicht in die Inhalte schaut, als eine technische Notwendigkeit, aber eine Konvention, die extrem wichtig dafür ist, dass die Übertragung möglichst schnell funktioniert – dass es also das Internet in der Form gibt, die wir kennen.

          Die Vorstellung, dass es überhaupt solche Knoten gibt, wird oft eher vernachlässigt. Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass Kommunikation im Internet unmittelbar und ohne Zeitverlust zwischen Sender und Empfänger stattfindet. Dabei war die Einrichtung solcher Schaltstellen ja genau die Idee beim Aufbau des Netzes, das eine stabile Form der Kommunikation schaffen sollte, nicht in erster Linie eine schnellere: Ein Nachrichtensystem, das einen Atomangriff überleben können sollte.

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