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Wiener „Tatort“ : Den hast Du zum Hosentausch gebeten?

Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) diskutieren den rätselhaften Todesfall an der österreichisch-tschechischen Grenze. Bild: ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Milenko Badzic

Im Wiener „Tatort“ kriegen sich die Kommissare Bibi Fellner und Moritz Eisner schwer in die Haare. Ist das ein Eifersuchtsdrama? Die beiden lösen einen Fall aus dem Kalten Krieg.

          3 Min.

          Haben wir nicht jahrelang darauf gewartet, dass die Sache zwischen Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und ihrem Kompagnon Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) endlich einmal eskaliert? Bitte schön, hier ist es, das kleine große Eifersuchtsdrama, lautstark vorgetragen auf offener Gasse und belauscht von mindestens zwei Verdächtigen hinter leise raschelnden Gardinen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dabei hat alles so gut angefangen. Eine Leiche im österreichisch-tschechischen Grenzflüsslein Thaya hat das Wiener Polizisten-Duo vom drögen Aktenstudium befreit und von seinem neuen Mitarbeiter dazu, einem selbsternannten Komiker, den auch wir nicht wiedersehen wollen. Im Waldviertel gilt es Spuren zu suchen, Leute zu fragen und sich auf dem Weg zur Lösung gemeinsam glücklich zu granteln, und die Handkamera wackelt munter hintendrein.

          Wunderbar in der Schwebe

          Schnell finden die beiden heraus: Es war Mord und kein Unfall, dass ein Mann vor den Augen der am Ufer vermeintlich Steinzeitliches ausgrabenden Archäologin leblos aus dem Kanu sackte. Der Tote arbeitete für den Prager Geheimdienst. Er stieg immer in derselben Pension am Ort ab. Und er war der Sohn eines Agenten des Kalten Krieges – dessen lange Schatten immer noch über den Wassern der Thaya liegen.

          Tatort-Trailer : „Grenzfall“

          Licht in das Dunkel der Vergangenheit zu bringen, darum geht es in „Grenzfall“ (Regie und Buch: Rupert Henning). Als der Eiserne Vorhang durch die Mitte des Flusses lief, starben dort Flüchtlinge im Kugelhagel. Aus dem kleinen österreichischen Grenzort aber verschwand ein Mann, dessen Sohn noch heute um ihn trauert: Max Ryba (Harald Windisch) hat nie erfahren, was 1968 mit seinem Vater geschah. Er blättert in alten Fotoalben, als Bibi Fellner und Moritz Eisner bei ihm auftauchen. Gerade hat er seine Mutter beerdigt und sitzt bei seiner Tante am Esstisch. Sie leitet besagte Pension. Ein Blick von Eisner genügt, und aus ist es mit dem friedlichen Ermitteln.

          Es dauert noch ein paar Szenen, bis der Inspektor die Fassung verliert, dann aber so richtig: „Bibi, das ist doch jetzt nicht Dein Ernst!“, herrscht er seine Kollegin an. „Der da drin ist ein Journalist! Weißt Du, wie oft der mir in die Suppe gespuckt hat? Und Du machst mit ihm einen erotischen Hosentausch!“ Dabei hat Max Bibi nur ein paar alte Klamotten geliehen, weil sie in den Fluss gefallen war. Kein echter „Grenzfall“ also, sondern eher ein Beispiel dafür, wie der Drehbuchautor Rupert Henning auch in diesem Punkt alles wunderbar in der Schwebe hält.

          Ausgerechnet der Journalist Max Ryba (Harald Windisch, r.) gibt den Kommissaren wichtige Tipps zum Mordfall.
          Ausgerechnet der Journalist Max Ryba (Harald Windisch, r.) gibt den Kommissaren wichtige Tipps zum Mordfall. : Bild: ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Mile

          Denn ein leichtgängiger Balanceakt ist der ganze Film. Er springt munter hin und her zwischen dunklen Landschaftsbildern mit Unkenrufen und betont unmalerischen Interieurs, zwischen der tschechischen und der deutschen Seite der Geschichte, zwischen Gestern und Heute, komödiantischen und dramatischen Elementen, einem Verbrechen und seinem Drumherum. Dazu tänzelt meistens Klaviermusik im Hintergrund – die irgendwann beginnt, gehörig an den Nerven zu zerren –, manchmal klagt ein Akkordeon.

          Biobauern und knurrige Alte

          Was die Wiener Ermittler aufrollen, ist anders als in ihrem vorigen Fall „Deckname Kidon“ kein Politmord, der mindestens eine Nummer zu groß für die beiden ist. Zuflucht zum Mossad ist hier nicht nötig, und das Hilfestellung leistende tschechische Ermittlergespann hat eher die Funktion, die zwei Wiener zu spiegeln, als ihnen Konkurrenz zu machen. So sieht es auch mit dem Reigen charmanter Nebenfiguren aus, die sich an der Peripherie des Falls bewegen. Fast alle sind haarscharf an der Karikatur vorbei gezeichnet. So geraten die Auftritte der hyperaktive Archäologin und des zynische Pathologen ebenso zu Beinahe-Possen wie die Einsätze des Verbindungsbeamten und des neuen Kollegen im Kontor. Dafür variieren sie zwei Elemente des immer gleichen Krimi-Standardprogramms – Leichenbeschau und Tatortsicherung – einmal neu: als Dozieren vor Laien.

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          Dass alles, was tiefer geht, trotzdem nicht untergeht, zeigt, wie geschickt „Grenzfall“ Plot und Nebenhandlungen arrangiert – selbst wenn das Dozieren manchmal arg um sich greift. Wer hinter der familiären Fassade mit Biobauern und knurrigen Alten schaut, blickt geradewegs in eine Zeit, in der falsche Schleuser für den Geheimdienst der ČSSR Menschen in die Falle lockten. Etwas Mörderisches ist im Fluss geblieben, und es trachtet nicht nur Bibi nach dem Leben. Ist es besser zurückzublicken oder immer nur nach vorne? Bibi Fellner und Moritz Eisner stecken sich jeder eine Zigarette an, starren auf das Wasser, wohl wissend, dass man nie zweimal in denselben Fluss steigen kann – und dass erst recht nie „alles gut“ ist. Nur deshalb kann es ja auch weitergehen.

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