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„Der Fall des Ali B.“ im ZDF : Vor dem Mord

Vor Gericht: Ali B. gesteht die Tötung von Susanna. Bild: EPA

Das ZDF hat einen Film zum „Fall des Ali B.“ gedreht. Ali B. steht zurzeit in Wiesbaden vor Gericht, weil er die vierzehnjährige Susanna F. vergewaltigt und getötet haben soll. Die Filmautoren fragen sich: „Was lief schief bei Ali B.?“

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          Am Dienstag hat vor dem Landgericht Wiesbaden der Prozess gegen den aus dem Irak stammenden Ali B. begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in der Nacht vom 22. auf den 23. Mai 2018 die vierzehn Jahre alte Susanna F. vergewaltigt und erwürgt zu haben. Ihre Leiche habe er nahe den Bahngleisen bei Wiesbaden-Erbenheim verscharrt. Die Tötung des Mädchens hat Ali B. gestanden, erklären könne er sie sich nicht, die Vergewaltigung bestreitet er. Verantworten muss er sich vor Gericht auch wegen des Vorwurfs, gemeinsam mit anderen ein elfjähriges Mädchen mehrfach vergewaltigt zu haben. Nach der Tat war Ali B. mit seiner Familie, ausgestattet mit falschen Papieren, zurück in den Nordirak geflüchtet. Von kurdischen Sicherheitskräften aufgegriffen, wurde er von der Bundespolizei zurück nach Deutschland gebracht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Fall sorgte, ähnlich wie die von Flüchtlingen begangenen Verbrechen an jungen Mädchen in Freiburg, Kandel und zuletzt in Worms, für landesweites Entsetzen und für heftigen politischen Streit um die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und deren Folgen. Viele Fragen lassen sich an den Fall knüpfen, wie zum Beispiel jene, warum die Polizei den Hinweisen der Mutter auf das Verschwinden der vierzehnjährigen Susanna offenbar erst spät und nur zögerlich nachgegangen ist oder warum der Verweis der Elfjährigen auf ihren mutmaßlichen Vergewaltiger zu keiner Festnahme führte. Für die ZDF-Journalisten Simone Müller und Halim Hosny stellt sich in ihrer am Mittwochabend gesendeten Reportage „Der Fall des Ali B.“ eine andere Frage: „Was lief schief bei Ali B.?“ Sie rekonstruieren minutiös, wie es Ali B. und dessen Familie vom Zeitpunkt ihrer Einreise im Oktober 2015 bis zur Rückreise nach dem Verbrechen im Mai 2018 erging. „Wie konnte Ali B. zum Gewalttäter werden?“, wollen die Journalisten wissen. Antworten finden sie vor allem im Versagen der Behörden.

          Es dauerte ein Jahr, bis die Familie zu ihrem Asylantrag angehört wurde, Ende 2016 wurde dieser abgelehnt, die gegen die Ablehnung eingereichte Klage blieb beim Verwaltungsgericht unbearbeitet. Der Staatsanwaltschaft fehlte es auch nach dem Hinweis des elfjährigen Mädchens an einem stichhaltigen „Sachverhalt“, den man Ali B. hätte vorhalten können. Informationen über Ermittlungen gegen Ali B. wegen verschiedener Straftaten gibt die Staatsanwaltschaft nicht an das Sozialdezernat der Stadt Wiesbaden weiter, was sie auch nicht muss, was für die Einschätzung der Lage aber wichtig gewesen wäre. Die Sozialbehörde hätte dann ihrerseits das Verwaltungsgericht auf Stand bringen können. Das geschah nicht, Ali B. besuchte nur einen Deutschkurs, hatte nur für wenige Wochen einen Job, trank, nahm Drogen und geriet in Kontakt zu den falschen Leuten. All dies, bestätigen die in der Reportage befragten Kriminologen, erhöhe das Risiko, dass jemand straffällig werde.

          Der Einschätzung mag man sicherlich beipflichten, darf es aber schon seltsam finden, dass der Beitrag des ZDF zu diesem Fall sich damit begnügt. So spielt die persönliche Verfasstheit von Ali B. nur insofern eine Rolle, als er als schüchterner, leicht zu beeinflussender Typ geschildert wird. Ein psychiatrisches Gutachten, welches das Gericht zu seinem Prozess in Auftrag gab, geht indes auf sein Frauenbild ein: Eine „gute Frau“ habe am besten gar keinen Kontakt zu Männern und müsse Jungfrau sein.

          In der ZDF-Reportage, die das Chaos der Flüchtlingspolitik im Herbst 2015 wie nebenbei deutlich macht, hören wir den Kriminalpsychologen Martin Rettenberger zwar sagen, dass niemand „zwangsläufig“ kriminell werde. Die Summe, welche die ZDF-Journalisten ziehen, beläuft sich aber mehr oder minder auf folgendes Fazit: Für Flüchtlinge ohne Bleibeperspektive fehle ein generelles Konzept, die Behörden müssten genauer hinschauen, Warnsignale erkennen und enger zusammenarbeiten. Soll das als Erklärung eines Verbrechens, dessen grausamer Hergang vor Gericht zur Sprache kam, ausreichen?

          Der Film ZDFzoom: Der Fall des Ali B. findet sich in der Mediathek des ZDF unter zdf.de .

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