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Comedy und Geschlechterrollen : Hier hört der Spaß auf

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Versiegelt Traumata mit Witz: Die amerikanische Komikerin Hannah Gadsby Bild: Netflix

Nachdem die lesbische Komikerin Hannah Gadsby ihren letzten Auftritt ankündigte, wurde sie zum Netflix-Star – und zum Vorbild für die MeToo-Zeit

          Die allermeisten Comedians können froh sein, wenn der Alki-Hausmeister für sie die Mehrzweckhalle komplett bestuhlt, und es verwundert daher gar nicht, wenn eine vierzigjährige Komikerin aus einer Kleinstadt Tasmaniens (einer zu Australien gehörenden Inselgruppe vor Australien), die kein Geräusch angenehmer findet als das Abstellen einer Teetasse auf ihrem Unterteller, irgendwann, nach mehr als zehn Jahren unendlichem Spaß, ans Aufhören denkt. „Ich bin müde“, sagt Hannah Gadsby. „Wer versteht, was Selbstironie für jemanden bedeutet, der vom Rand kommt und immer dort existiert hat?“, fragt sie. „Das ist nicht Demut. Das ist Demütigung.“

          Zu viele Witze über dicke Lesben. Also zu viele Witze über sich. Einfach zu viele Witze. Und so machte die Komikerin das Radikale: Sie hörte auf, witzig zu sein – ziemlich genau in der Mitte jener Show, mit der Gadsby daraufhin jenseits australischer Mehrzweckhallen bekannt wurde.

          Hannah Gadsbys Bekanntwerden ist eines dieser Internetphänomene, an deren Anfang zum Beispiel ein südkoreanischer Trash-Prolet durch ein Video hampelt und gegen Ende auch der UN-Generalsekretär „Gangnam Style“ tanzt. In Gadsbys Fall begann es, indem sie eine Comedy-Show darüber machte, warum sie künftig keine Comedy-Shows mehr machen würde, was das Publikum so rührte, dass sie die Abschiedsshow wiederholte, erst in Australien, dann in Großbritannien und den Vereinigten Staaten, insgesamt eineinhalb Jahre lang, bis nun Netflix den Mitschnitt ihres Auftritts im Opernhaus in Sydney veröffentlichte, der das Publikum auf der ganzen Welt berührte, was Hannah Gadsby, Kawumm, sehr bekannt machte, zum verbindenden Element vieler Tausend Internetnutzer, also Menschen.

          Die ganze Stunde bleiben die Zuhörer im Dunkeln

          „Wenn ihr im Leben nur ein Video schaut...“, „Jeder muss das sehen“, „Hannah Gadsby hat mein Leben verändert“ und so weiter lauten die Kommentare, und nur wirklich wenige enthalten Wörter wie „Lesbe“, „Busch“ und „vergewaltigen“. Was macht Gadsbys Show so rührend, lustig, traurig, hoffnungsfroh, verzweifelt, politisch, persönlich und also zum herzzerreißenden Werk von umwerfender Genialität?

          Nun: wenig. Ein Hocker, ein Wasserglas, ein Mikrofonständer, fertig ist das Bühnenbild. Anders als typische Comedy-Aufzeichnungen verzichtet Netflix beim Mitschnitt von Gadsbys Show auf schöne, lachende Publikumsgesichter, schöne, nachdenkliche Publikumsgesichter sowie generationenverbindende Schnitte von kindlichen auf greisenhafte Publikumsgesichter. Die ganze Stunde bleiben die Zuhörer im Dunkeln. Gadsby, allein im Licht, bekommt und liefert eine One-Woman-Show.

          Dummerweise funktionieren Witze auf der Bühne anders als auf Papier, so dass folgendes Beispiel deutlich lustiger ist, wenn man dabei Gadsby sieht, ihr Starren, das Brillehochschieben und Mikrofonständerzurechtrücken und den ganzen anderen ungelenken Neurotizismus. Das Beispiel: Bis zum Jahr 1997, dem Ende von Gadsbys Teenagerzeit, verbot ein Gesetz in Tasmanien Homosexualität. Gadsby war 17, kurzhaarig und ein bisschen stämmig, als sie sich nachts an der Bushaltestelle mit der Freundin eines jungen Mannes unterhielt. „Er dachte, wir flirten. Was stimmte.“ Er stieß sie weg. „Verpiss dich, du Schwuchtel! Hau ab von meiner Freundin!“ Die geht dazwischen: „Hör auf, sie ist ein Mädchen!“ Er: „Oh, sorry. Tut mir leid. Ich schlage keine Frauen. Ich dachte, du bist eine Schwuchtel, die meine Freundin anmacht.“

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