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Berichte über Abschiebung : Ein paar Meter gegen den Mainstream

Demonstration gegen Abschiebungen nach Afghanistan im Februar dieses Jahres in Düsseldorf. Bild: dpa

Das Thema Abschiebung nach Afghanistan ist heikel. Heikel ist aber auch, wenn in manchen Medien nur eine Sicht der Dinge aufscheint.

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          Eines haben viele Journalisten auch in diesem Land von Donald Trump übernommen: seinen Lieblingsbegriff „Fake News“. Dem amerikanischen Präsidenten dient er als Totschlag-Slogan gegen kritische Berichterstattung, die ihm nicht passt. Die alte und neue Rechte von der Alt-Right in den Vereinigten Staaten bis zur AfD im Bundestagswahlkampf drückt damit ihre grundsätzliche Skepsis gegenüber den sogenannten Mainstream-Medien aus. Die wiederum wenden den Begriff gegen rechts und finden „Fake News“ vor allem in den entsprechenden Internetportalen. Und ins Leere läuft die Sache schließlich, weil mit „falscher“ Berichterstattung nicht nur sachliche Fehler gemeint sind, sondern auch Gewichtung und Themensetzung, kommentierende Tonalität, in der berichtet, und – worüber nicht berichtet wird.

          Über die Abschiebung von acht Straftätern nach Afghanistan wurde jetzt unter dem Eindruck berichtet, den Abschiebegegner wie die Organisation „Pro Asyl“ vermitteln. Sie sagen: Unbesehen der Person sei es unverantwortlich, Menschen nach Afghanistan abzuschieben, weil es dort zu gefährlich sei. Was das im Einzelnen bedeutete, wird eher zurückhaltend benannt. Auch wer eine Vergewaltigung oder sexuellen Missbrauch an Kindern begangen hat – davon war bei den acht Abgeschobenen die Rede –, hätte, so er aus Afghanistan stammt, das Recht, in Deutschland zu bleiben.

          Dem SPD-Innenpolitiker Rüdiger Veit fiel es in diesem Zusammenhang im Interview mit dem Deutschlandfunk zunächst leicht zu sagen, er halte „es im Augenblick generell, egal, für wen, nicht für vertretbar, Abschiebungen nach Afghanistan vorzunehmen“. Doch machte es ihm die Moderatorin ein wenig schwerer, indem sie darauf hinwies, über welche Straftaten wir bei den acht Abgeschobenen sprechen. Sie fragte nach dem „Schutz der eigenen Bevölkerung“, wobei sie die abgeschobenen Straftäter allerdings auch – diese Sprachregelung hat sich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk für Flüchtlinge durchgesetzt – als „Schutzsuchende“ bezeichnete. Der inhärente Gegensatz dieser Bezeichnung bei Straftätern scheint im hiesigen Journalismus nicht mehr Common Sense zu sein.

          Dass man gar niemandem nach Afghanistan schicken darf, war freilich auch in diesem Gespräch gesetzt. Es braucht schon einen Kenner wie den früheren Bundeswehr-Oberstarzt Reinhard Erös als Gesprächspartner, der mit seiner Organisation „Kinderhilfe Afghanistan“ schon vor zwanzig Jahren Schulen, Waisenhäuser und medizinische Stützpunkte im Norden Pakistans und im Südosten Afghanistans aufgebaut hat und bis heute unterhält, um einen realistischen und nüchternen Blick auf die Verhältnisse zu werfen, die viele von hier aus bestens beurteilen zu können glauben.

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          Im Interview mit der „Landshuter Zeitung“ sagte Erös, man könne „selbstverständlich“ nach Afghanistan abschieben, „weitgehend überallhin“, allerdings „abhängig von der ethnischen Zugehörigkeit“ und nicht in Distrikte, in denen sich der „Islamische Staat“ festgesetzt hat. Pakistan schicke im Augenblick Hunderttausende Afghanen zurück, aus Deutschland seien in den vergangenen beiden Jahren rund zweihundert Afghanen abgeschoben worden, ausschließlich Männer.

          Doch warum fliehen dann so viele Menschen aus dem Land? „Weil sie in Afghanistan keine Lebensperspektive sehen“, das Land sei „auch nach fünfzehn Jahren westlichen Engagements“ durch „Kämpfe und Stammesfehden, Misswirtschaft und ungeheure Korruption vollständig zerrüttet“. Fluchtgründe gibt es also zuhauf, nur nicht unbedingt die, welche die Debatte bei uns bestimmen. Darauf zu kommen ist gar nicht so schwierig, man muss es nur wollen und, wie Claus Kleber in seiner Streitschrift „Rettet die Wahrheit!“ empfiehlt, damit beginnen, „ein paar Meter gegen den Mainstream zu schwimmen“. Dann haben es „Fake News“-Rufer von rechts auch nicht mehr so leicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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