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Streaming-Überangebot : Scrollst du noch oder guckst du schon?

  • -Aktualisiert am

Lieber der linke oder der rechte Knopf? Wer nur schwer Entscheidungen treffen kann, wird von Netflix und Amazon Prime vor große Herausforderungen gestellt. Bild: dpa

Jetzt bloß nichts Falsches anklicken: Das Angebot der Streaming-Dienste schafft neue Freiheiten bei der Gestaltung des Abendprogramms. Zugleich kann es uns aber auch restlos überfordern.

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          Kennen Sie diese Situation beim Shoppen? Man betritt das Geschäft, weil man, sagen wir, eine neue Jeans braucht. Das Sortiment ist begrenzt, acht Modelle, drei Farben. Nach wenigen Minuten fällt die Entscheidung. Anprobieren, zahlen, raus. Ganz anders bei üppigem Angebot. Wer sich zwischen Dutzenden Marken und Schnitten entscheiden muss, läuft Gefahr, unverrichteter Dinge abzuziehen. Was, fragen Sie nun zu Recht, haben diese hosen- und, wir trauen uns zu behaupten: lebensphilosophischen Flötentöne auf der Medienseite zu suchen?

          Es ist so: Das Jeanskaufphänomen begegnet uns momentan immer dann, wenn wir einen weiteren ereignislosen Tag mit ein paar Streaming-Filmchen krönen wollen – also jeden Abend. In dem Augenblick, da man auf dem Sofa lümmelt und sich durch die Rubriken (Serien, Komödien, Blockbuster und so fort) arbeitet, hockt man zugleich auf dem inneren Hochsitz und hält Ausschau nach den Symptomen des Burnouts durch Überforderung. Die Auswahl, die zu einem erheblichen Teil aus Leuchttürmen des Schunds besteht, lädt gerade nicht zum Binge-Watching ein, sondern zu minutenlangen Scroll-Orgien, an deren Schluss man den Fernseher aus- und das Smartphone einschaltet, um Belanglosigkeiten zu googeln oder ein paar Tier-Emojis im Gruppen-Chat von der Leine zu lassen. Es stimmt schon, dass man sich ständig neue Listen zurechtkuratiert, erzeugt ein Gefühl von Freiheit und Autonomie. Allerdings ist es auch ermüdend.

          Auf der Suche nach der einen Perle

          Im Kino entscheiden wir uns zwischen einer Handvoll Filmen, um zwei Stunden in einer Atmosphäre konzentrierter Intensität zu verbringen. Das Netz hingegen verstärkt ein zweifelnd-zauderndes Heranpirschen an kulturelle Angebote, das es in dieser Ausprägung vorher nicht gab. Man beginnt etwa ein Online-Spiel, ist dann mit dem Verlauf nicht einverstanden, bricht ab und fängt von vorne an. Fehler lassen sich mit Hilfe von Reset und Neustart ungeschehen machen, nicht eingesammelte Extraleben im zweiten Anlauf doch noch mitnehmen.

          Ähnlich bei Serien: Bevor man sich den falschen Quatsch komplett anschaut, gibt man auf und checkt sicherheitshalber noch einmal die ganze Sammlung auf der Suche nach der einen Perle, die einem entgangen sein könnte. Da sie sich in der Regel nicht aufspüren lässt, ist man hinterher meist auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Wir müssen nun aber nicht nervös oder kulturpessimistisch werden, denn immerhin erleben wir beim Kauf einer Hose vergleichbare Zustände. Ob passende Jeans oder guter Film, sind diese Dinge doch einmal gefunden, begleiten sie uns über Jahre – das eine am Körper, das andere im Geist.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

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