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Matteo Salvini auf Twitter : Ich bin ein Mann mit Bauch

Jeder hat sein Kreuz zu tragen: Matteo Salvini am Strand auf Sizilien. Bild: Reuters

Viel Liebe für Kruzifixe und Nutella: Matteo Salvini zeigt in den sozialen Medien unbeirrt, wie ein echter Italiener zu sein hat.

          Silvio Berlusconi, der Politiker, der Italien in den vergangenen Jahrzehnten geprägt hat wie kein anderer, war immer ein Mann des Fernsehens. In blinkenden Shows lief er zu Hochform auf. Dass nun, da das klassische Fernsehen sich im Umbruch befindet, auch Berlusconis Strahlkraft deutlich nachgelassen hat, scheint vielen kein Zufall zu sein. Denn Berlusconi, so hört man häufig, beherrsche die sozialen Medien nicht. Ein anderer, jüngerer Politiker dafür umso mehr: Matteo Salvini.

          Die Accounts des ehemaligen Innenministers kennen weder Feiertage noch Urlaub. Ähnlich wie der amerikanische Präsident Donald Trump ist Salvini dauerpräsent. Doch wo Trump sich meist auf Kurzmitteilungen beschränkt, bevorzugt Salvini Bilder. Über elftausend Fotos und Videos hat er auf seinem Twitter-Account inzwischen gepostet. Wer ihm auf den sozialen Netzwerken folgt, der versteht seine Botschaft, auch ohne Italienisch zu sprechen. Eine harte Linie gegen Migranten und politische Gegner steht dort in krassem Gegensatz zu Urlaubsfotos, Guten-Morgen-Grüßen und Gruppenselfies, mit denen er den nahbaren Politiker mimt.

          Öffentliche Auftritte kündigt Salvini gewöhnlich mit Selfies vor Land- und Stadtpanorama an: „Phantastisches Umbrien!“ Diese Fotos wechseln sich ab mit reißerischen Bildmontagen, auf denen andere Politiker oder Migranten mit leuchtenden Buchstaben an den Pranger gestellt werden. Vor einiger Zeit schoss Salvini ein Selfie, das den Zynismus dieser Methode in einem Bild zusammenfasste. Im Vordergrund zu sehen war der Minister auf einer Brücke, im Hintergrund eine italienische Altstadt und zwei Motorboote. Der Kommentar unter dem Foto lautete: „Guten Abend, Freunde, was macht ihr? PS: Keine Sorge, die Boote, die ihr hinter mir seht, transportieren keine Migranten!“

          Küsschen und Zwinkern

          Es ist diese seltsame Art von Humor, mit der Salvini jegliche Kritik an sich abperlen lässt. Seine Twitter-Posts begleitet er am liebsten mit Smileys. Einer wie ich soll Böses wollen?, zwinkert er den Lesern zu. An seine Widersacher schickt er Küsschen. Eng umschlungen zeigt er sich mit seiner Tochter oder seinen ihn liebenden Fans. Gerne schwärmt er nach seinen Auftritten wie kürzlich in Messina, dass er „ganz viele tolle Menschen umarmt hat“.

          Salvini, der liebende Familienvater, der Politiker als Freund von allen. Im sommerlichen Strandurlaub, den er scheinbar gänzlich in Badehose verbrachte, gab er sich locker und uneitel. Als Journalisten ihn auf sein zur Schau getragenes Bäuchlein ansprachen, antwortete er, der Mailänder, ausgerechnet auf Römisch: „Ein Mann mit Bauch ist ein Mann mit Substanz.“ Vielleicht kein anderer italienischer Dialekt steht so sehr für das, was Salvini vorgibt zu sein: sympathisch, bodenständig, stets zum Scherzen aufgelegt.

          Doppeldeutige Symbole

          Salvinis Fotos suggerieren ein Italien-Bild, bei dem es vor allem um drei Dinge geht: Essen, Fußball und Katholizismus. Themen, die auch in den klassischen italienischen Komödien immer wieder eine Rolle spielen. Wo die Filme jedoch mit Leichtigkeit und Selbstironie daherkommen, haben Salvinis Bilder einen doppelten Boden, der durchaus politisch ist. Indem Salvini vorgibt, was italienisch ist, zeigt er auch, wer nicht dazugehört. Gerade seine Auslegung des Katholizismus ist oft wohlgeplante Provokation. Dass er ausgerechnet bei Auftritten auf Sizilien und in Kalabrien einen Rosenkranz aus der Tasche zog und mehrmals küsste, dürfte deshalb kein Zufall gewesen sein.

          Francesco Italia, der Bürgermeister von Syrakus, war empört: „Er stellt den Rosenkranz aus wie eine Waffe!“ All das habe nichts zu tun „mit unseren Institutionen, mit dem katholischen Glauben, mit der Verfassung“. Nicola Morra von den Fünf Sternen, Vorsitzender der Antimafia-Kommission im Parlament, wurde noch deutlicher: „Wer in Kalabrien einen Rosenkranz küsst, der sendet kodifizierte Signale an die ’ndrangheta, an die Mafia.“ Salvini lächelt und will von all dem nichts gewusst haben. Es stehe doch jedem frei, seinen Glauben zu zeigen? Während der Rücktrittserklärung des Ministerpräsidenten Giuseppe Conte küsste er den Rosenkranz deshalb gleich noch mal.

          Als sich jüngst abzeichnete, dass Salvinis Plan, Neuwahlen zu provozieren und so vom Innenminister zum Ministerpräsidenten zu werden, nicht aufgehen würde, verbreitete er auf seinen Kanälen geradezu zwanghaft gute Laune. Mit Wassermelonen, Zabaione und dem Nagellack seiner Tochter. Statt am Strand war er in den Bergen unterwegs: „Die Linken suchen nach Sitzen, ich suche Pilze.“ Zwinker, zwinker.

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