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Jakob Augsteins „Freitag“ : Ist die Mafia jetzt der Gewinner?

Grenzt sich ab: Verleger Jakob Augstein. Bild: Klein, Nora

Zuerst ließ der Verleger Jakob Augstein die Autorin Petra Reski in einem Rechtsstreit hängen. Nun tritt er sogar nach. Ein solches Beispiel darf im Journalismus nicht Schule machen.

          4 Min.

          Der „Fall“ Reski ist zu einem Fall Augstein geworden. Nicht, dass die Journalistin den Namen eines mutmaßlichen Mafioso in einem Artikel für den „Freitag“ genannt, sondern wie der Herausgeber der Wochenzeitung die Autorin im Stich gelassen hat (F.A.Z. vom 1. April) und wie er sein Verhalten, sich in eine Rechthaberei-Spirale schraubend, verteidigt, ist der Skandal. Denn selbst wenn es sich so verhielte, wie Augstein es darstellt, wäre seine Entscheidung, der freien Mitarbeiterin, die von dem genannten italienischen Geschäftsmann verklagt und vom Landgericht Leipzig verurteilt wurde, keine juristische Unterstützung zu gewähren und sie für die Rechtskosten selbst aufkommen zu lassen, ein außergewöhnlicher Affront, der, so Hendrik Zörner, Sprecher des „Deutschen Journalisten-Verbands“ (DJV), gegen „ein Grundprinzip der Zusammenarbeit“ zwischen Redaktionen und freien Mitarbeitern verstößt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          „Wir haben die Schlampigkeit begangen, nicht von allein zu merken, dass man den Namen rausnehmen muss, das war natürlich unser Fehler“, sagte Jakob Augstein dem Deutschlandfunk am 3. April. Doch für diesen seinen „Fehler“ ist der „Freitag“, dessen Redaktion die Textstelle weder beanstandet noch die Autorin auch nur darauf angesprochen hat, nicht bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Vielmehr lässt die Zeitung Petra Reski dafür bezahlen – und qualifiziert sie und ihre Arbeit öffentlich ab.

          „Michele“ fühlte sich erkannt

          Der Sachverhalt ist gerade nicht so eindeutig, wie Jakob Augstein ihn hinstellt. Denn eine Klage, so die Auffassung von im Pressegesetz bewanderten Juristen, schien schon deshalb unwahrscheinlich und eine Aussicht auf Erfolg noch unwahrscheinlicher, weil der beanstandete Name in der Presse zuvor schon mehrmals genannt worden war: So zweimal in der „tageszeitung“, die am 11. Februar 2016 berichtete, dass die Klage des italienischen Geschäftsmanns gegen die MDR-Dokumentation „Die Provinz der Bosse – die Mafia in Mitteldeutschland“ vor dem Landgericht Leipzig Erfolg hatte, und am 23. März 2016 meldete, dass der Sender gegen das Urteil Berufung eingelegt habe. Das hat der „Evangelische Pressedienst“ (epd) am 1. April aufgegriffen, in dessen Bericht der Name des in Erfurt ansässigen Klägers ebenfalls steht. Dagegen war dieser in der Dokumentation des MDR nicht genannt worden, vielmehr hatte er sich in der dort als „Michele“ bezeichneten Person erkannt gefühlt und, indem er Klage einreichte, selbst „geoutet“.

          Den Namen zu nennen schien mithin nicht sonderlich riskant. Auch das Gericht bestätigte das, weist es in einer Verfügung vom 8. Juli 2016 den Kläger doch darauf hin, dass „es auf die Frage, ob die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung vorliegend überhaupt Anwendung finden“, nicht ankommen dürfte, „nachdem der Antragsteller mit dem angesprochenen Verfahren selbst in die Offensive gegangen ist und es sich um ein öffentliches Verfahren handelte“. Was Petra Reski allenfalls vorgehalten werden kann, ist, dass sie, doch gedeckt von juristischem Sachverstand, das Risiko, den Namen zu nennen, im Hinblick auf das Landgericht Leipzig falsch eingeschätzt hat. Wer ihr das als „Fehler“ anlastet, ohne es selbst vorher auch nur bemerkt zu haben, muss die fragwürdige Entscheidung des Gerichts für durchschlagend überzeugend, ja sakrosankt halten. Erstaunlich für einen Journalisten, der „im Zweifel links“ steht.

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