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Interview übers Musikhören : Die Klassik kennt keine Krise

  • -Aktualisiert am

Versteht, was der Verbraucher verlangt: Rob Overman Bild: Stingray

Die kommenden zehn Jahre sind entscheidend: Rob Overman vom kanadischen Musikkonzern Stingray spricht im Interview über die Zukunft des Hörens.

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          Die kanadische Firma Stingray, einer der weltweit größten Klassikanbieter in den digitalen Medien, ist heute als „Stingray Classica“ nach eigenen Angaben in 156 Ländern mit Video-on-Demand (VOD) und linearem Musikfernsehen präsent und erreicht fünfzig Prozent aller Haushalte mit Kabel- und Satellitenanschluss. Der Einstieg ins Klassikgeschäft erfolgte 2015 mit dem Kauf des niederländischen Senders Brava, 2017 übernahm Stingray von Unitel den weltweit aktiven Sender Classica. Weitere Übernahmen erfolgten seither im Bereich der leichten Klassik. Rob Overman ist für das Programm der Firma verantwortlich und entwickelt langfristige Strategien.

          Herr Overman, vor zehn Jahren, als Sie den holländischen Fernsehsender Brava aufbauten, sagten Sie, es gebe weltweit vier- bis fünfhundert Millionen Interessenten für europäische Klassik. Gilt diese Prognose noch?

          Ja. Das war damals eine ungefähre Schätzung, aber bisherige Erfahrungen zeigen, dass das keineswegs unrealistisch ist.

          Eine entscheidende Rolle spielen dabei die digitalen Medien. Vor einem Jahrzehnt sprach kaum jemand von Streaming, heute ist es Alltag.

          Damals war die Technologie noch unzulänglich, das Bezahlsystem und die Qualität der Übertragung. Jetzt ist die Technologie unser bester Freund. Sie ist erschwinglich, und die Menschen haben sich daran gewöhnt, für Inhalte zu bezahlen. Damals wussten wir nichts von Internetfernsehen, es gab nur Kabel- oder Satellitenempfang. Heute können Sie die Inhalte auf jedem Gerät erleben, Handy, Tablet, Laptop und auf dem großen Fernseher mit phantastischem Ton. Gerade im Klassikbereich hat sich die Erfahrung, Musik online zu genießen, dadurch völlig verändert.

          Was brachte den Durchbruch?

          Der kam mit Netflix. Der Umstieg von den traditionellen linearen Kanälen auf das Video-on-Demand-Modell (VOD), das Netflix anbot, war ein Paradigmenwechsel. Man kann heute direkt auf dem Bildschirm ein Abonnement buchen; es ist preiswert, gilt für alle vorhandenen Geräte und erlaubt den Zugriff auf ein breites Inhaltsangebot. Auch Stingray hat dieses Modell für seine Spartenkanäle übernommen.

          Das funktioniert weltweit?

          Ja. Sie laden die App auf Ihr Mobiltelefon herunter oder verwenden den Webplayer auf dem Computer und schließen den Fernseher an. Gegenwärtig investieren wir in hohem Maße in die Welt der mobilen Apps, um die junge Generation zu erreichen. Wir arbeiteten auch schon an SVOD – „Subscriptional Video on Demand“, also mit Abonnement.

          Keine Probleme mit den Rechten?

          Die Klassikwelt ist sehr gut organisiert, und die Rechte werden in der Regel weltweit vergeben. Wir erwerben sie für eine bestimmte Laufzeit und für alle Verwendungsarten, also auch VOD. Das vereinfacht alles und ist ein riesiger Vorteil gegenüber Jazz oder Pop, wo es viele länderspezifische Hürden gibt.

          Das klingt nach einem Klassik-Eldorado. Jetzt haben wir aber die Corona-Krise, und die macht auch vor den digitalen Kanälen nicht halt.

          Die Stingray Classica-Kanäle bringen kaum Live-Übertragungen; ihre Basis sind die verschiedenen HD-Kataloge, die wir lizenzieren oder besitzen. Natürlich verursacht die Corona-Krise eine große Lücke bei den Live-Produktionen, die zu uns kommen, doch wir kompensieren das, indem wir noch nicht ausgestrahlte Programme der letzten Jahre hinzufügen. Das Angebot für unsere Verbraucher wird auf keinen Fall kleiner sein als bisher.

          Wie wirkt sich das auf Abrufzahlen aus?

          Da Musikfans in der ganzen Welt fürs Erste an ihr Zuhause gebunden sind und keine Live-Auftritte besuchen können, sehen wir ein enormes Wachstum bei der Nutzung all unserer Video-Streaming-Plattformen.

          Nun wächst aber die Konkurrenz. Es gibt Amazon prime, Apple TV+, Disney+ und Plattformen nationaler Anbieter. Abonnements kosten Geld, und das wird in den privaten Haushalten wegen Corona gerade knapp. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

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