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Phänomen „Bitwalking“ : Die haben einen Lauf

  • -Aktualisiert am

Ein Schritt vor dem anderen, ein Schritt nach dem anderen: Olympische Disziplin ist „Bitwalking“ noch nicht. Bild: Picture-Alliance

Wer sich bewegt, kann im Internet mit „Bitwalking“ echtes Geld verdienen. Für ein paar Dollar laufen Menschen los, in Entwicklungsländern können sie so mehr einnehmen als durch einen Job. Doch was denken sich die Entwickler der Walking-App dabei?

          Soll man morgens zu Fuß zum Bäcker gehen oder doch lieber mit dem Auto fahren? Die Motivation, sich an einem kalten Wintertag auf den Weg zu machen, mag nicht bei jedem gleich ausgeprägt sein. Was aber, wenn man für die paar Schritte Geld bekäme? Genau das ist die Idee einer App, die von dem Londoner Start-up Bitwalking lanciert wurde. Die Applikation zählt mittels GPS und Beschleunigungssensoren die Schritte der Nutzer und zahlt ihnen pro zehntausend gelaufenen Schritten (ungefähr acht Kilometer) ein digitales Kilometergeld von einem „Bitwalking-Dollar“ (BW) aus.

          Das entspricht in etwa einem amerikanischen Dollar. Die Nutzer können die Kryptowährung in Online-Shops ausgeben oder gegen echte Dollars tauschen. Die Auszahlung ist zunächst auf drei BW pro Tag begrenzt. Die Gründer haben schon zehn Millionen Dollar Startkapital (hauptsächlich von japanischen Investoren) gesammelt.

          Rabatt für Fitness

          Solche Belohnungssysteme gibt es bereits. Krankenkassen wie die Generali und AOK Nordost bieten Rabatte für Versicherte an, die ihre Aktivitäten und Schritte mit einem Fitness-Tracker aufzeichnen lassen. Zwei Start-up-Unternehmer aus Frankfurt haben jüngst eine App namens Miwalk entwickelt, die Fußlahme mit Gutscheinen zum Gehen animieren will. Jeden Schritt vergütet die Anwendung mit einem Punkt. Wenn die Handy-Besitzer genug Punkte erlaufen haben, erhalten sie Rabattgutscheine, die sie im Internet zum Beispiel für gesunde Lebensmittel und gelenkschonende Schuhe einlösen können.

          Das Neue an Bitwalking ist, dass die körperliche Ertüchtigung direkt in Bares umgemünzt wird. „Wir glauben, dass jeder die Freiheit und Fähigkeit haben sollte, Geld zu verdienen“, heißt es auf der Website. „Ein Schritt ist gleich viel wert für jeden - egal wer du bist und wo du bist. Was zählt, ist, wie viel du läufst.“ Das klingt nach einem großen Gleichheitsversprechen. Bitwalking hat seine App auch in Kenia und Malawi lanciert. Dort können die Menschen ihre Bitwalking-Dollars in echte Dollars konvertieren. In Malawi, wo der Durchschnittslohn bei 1,50 Dollar am Tag liegt, kann sich Laufen richtig lohnen. Die BBC berichtet in ihrer Online-Ausgabe über einen Informatiklehrer, der jeden Tag zehn Kilometer in sein College läuft und im Monat 26 Dollar allein dadurch verdient, dass er seine Schritte zählen lässt. Auf dem Weg zur Arbeit mehr verdienen als dortselbst, das klingt prima vista nach einem guten Deal.

          Für den Extremlauf „Allgäuman“ kann man niemanden bezahlen.

          Grant Blank, Research Fellow am Oxford Internet Institute und Projektleiter der Oxford Internet Surveys (OxIS), sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Gehen stellt für die Person insofern einen Wert dar, als es ihr hilft, fit zu bleiben. Fitte Mitarbeiter sind wiederum wertvoll für Arbeitgeber.“ Der japanische Apple-Zulieferer Murata tüftelt an einem Armband, das anzeigt, wie viel Bitwalking-Dollars der Träger „verdient“ hat. Allein, das Laufen selbst ist kein Glied in der Wertschöpfungskette. Der eigentliche Wert, der gewissermaßen als Nebenprodukt entsteht, sind die geobasierten Daten wie Standort, Laufwege, Strecken. Daraus können detaillierte Bewegungs- und Verhaltensmuster abgeleitet werden. Und davon profitieren allein Bitwalking und e-Anzeigenkunden. Die Anreizstruktur geht auch ein Stück weit fehl. Die in Malawi tätige Beraterin Karen Chinkwita sagte der BBC: „Es gibt eine Versuchung zu laufen, statt zu arbeiten.“

          Der Nutzer verkauft bei diesem Vergütungsmodell nicht wie gewöhnlich seine Arbeitskraft, sondern seine Privatsphäre. Es ist im Grunde ein Total Buy-out. Das Problem ist, dass die App für Menschen in Malawi ja kein Zubrot darstellt, sondern ihre Existenzgrundlage bildet. Diese Abhängigkeit nutzen die Entwickler aus. In deren Weltbild ist der Mensch eine Maschine, die „laufen“ muss. Zwar will Bitwalking die Daten nicht an Dritte weitergeben. Das ändert aber nichts daran, dass das Unternehmen das Mobilitätsverhalten Tausender Leute auswertet.

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