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Corona und Medien : Sind alle Journalisten Versager?

  • -Aktualisiert am

Auf Abstand: Blick in die Bundespressekonferenz mit dem Leiter des Robert-Koch-Instituts, Lothar H. Wieler, und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Bild: dpa

An Kritik des Journalismus in der Corona-Pandemie mangelt es nicht. Was Medienforscher dieser Tage von sich geben, spottet allerdings jeder Beschreibung. In ihren Augen machen „die“ Medien alles falsch.

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          Von akademischer Seite hagelt es wuchtige Kritik an „der“ Corona-Berichterstattung „der“ Medien. Leider taugt sie nicht viel, jedenfalls nicht in ihrer Pauschalität. Medienkritik tut not und gut, aber gerade wer eine wache wissenschaftliche Begleitung des Journalismus für berechtigt und notwendig hält, darf erwarten, dass sie sich auf den Gegenstand einlässt, den zu kritisieren sie vorgibt. Wer jedoch wie Claus Eurich, emeritierter Professor für Kommunikation und Ethik an der TU Dortmund, in der Corona-Berichterstattung nichts als ein „Systemversagen des Journalismus“ sieht, meldet sich ab. Auch die meisten anderen Mängelrügen von „Medienforschern“ dieser Tage gehen ins Leere.

          Die Medien pflegten einen distanz- und kritiklosen Umgang mit Zahlen und Statistiken, meinen Klaus Meier, Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, und Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Den beiden hätte es geholfen, zum Beispiel die Analysen von F.A.Z.-Redakteurin Sibylle Anderl zu lesen.

          Die angebliche Alternativlosigkeit des Shutdown wird nicht vom Kopf auf die Füße gestellt? Wir empfehlen, als einen von vielen Beiträgen den Essay von Marc Beise in der Oster-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung“.

          „Warum erfahren wir so viel über ganz wenige Länder?“

          Der Journalismus muss „Vor-Ort-Präsenz zeigen“, was er angeblich nicht tut? Was glaubt Otfried Jarren vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, wo die Fernseh-, Hörfunk- und Zeitungskorrespondenten arbeiten? In der Studierstube?

          „Wann kehren wir zur Normalität zurück, wovon machen wir das abhängig? Nur von den Fallzahlen? Auch vom Ausmaß der Nebenwirkungen sozialer Isolation? Diese Fragen müssten gestellt werden“, verlangt Klaus Meier. Stimmt, aber liest er denn keine Zeitung? Hier werden sie nämlich seit längerem gestellt.

          „Warum erfahren wir so viel über ganz wenige Länder?“ fragt Stephan Russ-Mohl, früherer Leiter des Europäischen Journalismus-Observatoriums in Lugano. Kennt er die beeindruckende Ausführlichkeit nicht, mit der Zeitungen und Sender längst über andere Weltregionen berichten – einmal beiseitegelassen, dass dem deutschen Publikum bestimmte Länder geographisch und mental näher sind als andere, wovon Redaktionen nicht ganz absehen können?

          „Wissen Corona-Berichterstatter um die Übermacht ihrer Bilder (Beispiel: Leichentransporte mit italienischen Armeefahrzeugen in Bergamo)?“ fragt Russ-Mohl weiter. Ja, wissen sie – weiß Russ-Mohl ähnlich viel über die intensiven Diskussionen in Redaktionskonferenzen darüber, was zu zeigen geboten ist und was nicht?

          Der Normalbetrieb des Journalismus ist jedenfalls das Berichten und das Zeigen, begründungspflichtig ist eher das Weglassen, und es wird aus berufsethischen Gründen längst nicht alles gezeigt. Ja, es gibt seit einigen Wochen eine thematische Monokultur in der Berichterstattung, aber ist das eine Deformation des Journalismus oder entspricht es nicht vielmehr dem Aufmerksamkeitsmuster des Publikums? Die Empörung der Medienwissenschaft kann man sich ausmalen, wenn das Fernsehen in dieser Zeit keine Sondersendungen brächte, sondern nach den Nachrichten zum „Traumschiff“ umschaltete.

          Hören lässt sich der kritische Hinweis, seit Wochen träten immer die gleichen Experten und Politiker auf. Andererseits ist es in der Virologie eben wie in der Medienwissenschaft, auch da gibt es Vertreter, die mehr zu sagen haben, das Gehör verdient, als andere – und in der Stunde der Exekutive beeinflussen die Regierenden den Alltag der Leser und Zuschauer nun einmal stärker als die Opposition, die deswegen aber nicht mundtot gemacht wird.

          Geradezu grotesk ist die Rüge, „die“ Medien nähmen die Einschränkungen von Grundrechten hin wie Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden. Nirgends wird die abwägende Debatte darüber, was gerade noch hinzunehmen sei, und auch das nicht auf Dauer, seriöser geführt als in „den“ Medien, und beileibe nicht nur von Gastautoren. Lesen und sehen die Medienkritiker das nicht? Helmut Reitze, der frühere Intendant des Hessischen Rundfunks, pflegte Beschwerdeführern über angebliche blinde Flecken in der Berichterstattung zu antworten: „Nicht alles, was Sie nicht gesehen haben, haben wir nicht nicht gesendet.“

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