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Kiarostamis Vermächtnis : Stillleben gibt es nicht

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„24 Frames“ ist sein Vermächtnis: Abbas Kiarostami (1940 bis 2016) Bild: AFP

In „24 Frames“ zeigt Abbas Kiarostami, wie Wahrheit zwischen den Bildern hindurchfallen kann. Der Meisterregisseur starb im Sommer 2016. Ein würdigeres letztes Werk hätte er nicht schaffen können. Bei Arte ist es nun zu sehen.

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          Mit den 24 Stunden eines Tages hat dieser Experimentalfilm von Abbas Kiarostami, der erst postum (2017) von seinem Sohn Ahmad fertiggestellt wurde, eigentlich nichts zu tun, sondern vielmehr mit den 24 Bildern einer Filmsekunde, und doch wird hier auch ein Tageszyklus vom Erwachen (eines Dorfes) bis zum Einschlafen (einer Frau) durchschritten. Der selbst von einem Regie-Gott wie Jean-Luc Godard verehrte iranische Regisseur und Fotograf, der mit seinem selbstreflexiven, Fiktion und Dokumentation verwebenden Werk das Kino der Postmoderne zu lyrischer Vollendung geführt hat, sah sich nach dem Einreißen der vierten Wand (zum Publikum) der finalen Aufgabe gegenüber, auch die Grenze zwischen Fotografie und Film, seinen beiden Passionen, zu überwinden.

          Vierundzwanzig Bilder liegen diesem Film zugrunde, ein ikonisches Gemälde und viele behutsam komponierte Fotografien von Kiarostami selbst. In jedem dieser Motive – die meisten zeigen Schneelandschaften oder das Meer – scheint ein bestimmter Augenblick eingefangen zu sein. Aber darin eben liegt die Vermessenheit des Fotografischen, im Glauben an den zeitlosen Moment, ans Stillleben, als habe nicht jedes Bild ein Davor und Danach. Auch serielle Fotografie ist keine Lösung. Vierundzwanzig Vollbilder pro Sekunde mögen zwar das Auge täuschen, aber die Wahrheit kann zwischen ihnen hindurchfallen. Weil Bilder immer lügen, muss der Künstler einfach besser lügen.

          Kiarostami und seine Helfer haben also die Vorlagen in dreijähriger Arbeit liebevoll digital dynamisiert und in viereinhalbminütige visuelle Naturgedichte verwandelt. Damit leistet der ästhetische Revolutionär aus Teheran gewissermaßen Abbitte für seine fotografischen Eingriffe in die Zeit. Im Ergebnis scheinen die aufwendigen Animationen dem aus fünf langen Einstellungen am Meer bestehenden Film „Five“ (2003) zu ähneln, doch geht es im Grunde um das Gegenteil, nämlich nicht um meditative Versenkung in die Natur, sondern um antikontemplativen Konstruktivismus.

          Eine Szenerie, die kein Symbol sein will

          Los geht es präfotografisch mit Pieter Bruegel dem Älteren. Sein Jahreszeitenbild „Jäger im Schnee“ von 1565, das gemeinhin als Abbild der Härten des Winters gilt (die ermatteten Jäger kommen beinahe ohne Beute zurück), denen die kleinen Freuden (Spiele auf dem Eis) entgegengesetzt werden, erwacht mit einem Mal zum Leben. Rauch steigt aus den Schornsteinen auf. Warm wirken die Stuben, obwohl unablässig Schnee fällt. Kühe trotten am See entlang, und ein schnüffelnder Hund pinkelt an den Baum im Vordergrund. Eine ganze Szenerie wehrt sich gegen die Zumutung, Symbol sein zu sollen und nicht einfach Dorf bleiben zu dürfen. Das rejustiert unseren museal konditionierten Blick, oder einfacher gesagt: Kiarostami erlaubt es sich (und uns), mit kindlicher Phantasie ein Zentralwerk der Renaissance wachzuküssen. Auf verspielte Weise sind wir bei Heidegger gelandet: Was etwas ist, hat auch damit zu tun, zu was es wird. Sein und Zeit.

          In den belebten Fotografien – so muss man es nennen, nicht Filmszenen – geht es oft unaufgeregt zu. Und doch erscheint einem bald alles höchst vital und verletzlich. Plötzlich hallen Schüsse über den Schnee, und ganze Herden stieben davon, mitten durch das vermeintlich friedliche Motiv. Zärtlichkeiten wiederum haben eine ganz andere Intensität, wenn Löwe und Löwin einander umgarnen, Pferde im Schnee miteinander tollen oder Vögel paarweise über Balustraden hüpfen, die nicht mehr nur eine Barriere zwischen dem Betrachter und dem weiten Meer bilden. Wir sehen die Natur, wie sie eben ist, wenn sie sich unbeobachtet fühlt, wobei wir genau wissen, dass jedes Tier hier gecastet und jede Bewegung einkopiert wurde. Wo beginnt, wo endet eine Fälschung? So sanft und zugleich so bestechend sind Brüche mit Sehgewohnheiten selten.

          Fast überrascht ist man, wenn nach all den majestätischen Landschaften in „Frame 15“ Menschen auftauchen. Eine Familie betrachtet den Eiffelturm. Vom wuseligen Leben um sie herum schweigt das Foto, aber hier sind die sechs Personen nicht länger allein. Dann wird es dunkel, der Turm funkelt, nur die Betrachter bleiben unbewegt: Es ist etwas Elegisches in diesem Motiv, eine Sehnsucht, die ihre Zeit verpasst hat. Der Höhepunkt ist das letzte Bild: eine vor dem Monitor eingeschlafene Frau, die nicht mitbekommt, wie ein alter Film in Zeitlupe dem Happy End mit langem Kuss entgegenläuft, während die Gefühlsarie „Love Never Dies“ Anlauf zum großen Finale nimmt. Spätestens da ist man überzeugt, dass wir alle nur Schläfer waren, Platons Höhlenmenschen, bis das wahre Kino von Poeten wie Kiarostami uns einen Blick hinter die (Ab-)Bilder gestattete. Einen schöneren, würdigeren Film hätte dieser Meisterregisseur nicht hinterlassen können.

          24 Frames läuft heute, Montag 19. November, um 23.35 Uhr auf Arte.

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