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Wie ich den „Turm“ sah : Filmreise in die eigene Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

Ein Virtuose in der Überredung zur Selbstzensur: Verlagslektor Meno Rohde (Götz Schubert) Bild: MDR/teamWorx/Nik Konietzny

Jüngst wurde im Fernsehen die Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ ausgestrahlt. Anke Domscheit-Berg erzählt, was sie beim Zuschauen bewegte - und was sie durchlitt.

          Neulich  wurde „Der Turm“, ein Spielfilm mit Dokumentarcharakter, in der ARD erstmals ausgestrahlt. Ein Wende-Film, der die achtziger Jahre bis zum Mauerfall aus der Perspektive einer Dresdener Familie des Bildungsbürgertums erzählt.

          In 180 Minuten schafft dieser Film das Unmögliche: eine Vorstellung davon zu vermitteln, was wir im Osten erlebt haben vor und während der Wende, aber vor allem auch, wie es sich angefühlt hat. Ein Film schafft etwas Besonderes, wenn er Emotionen weckt und darüber hinaus eine Beziehung ermöglicht zum eigenen Erfahrungshorizont und zum kollektiven Gedächtnis. Bei „Der Turm“ habe ich das so intensiv erlebt, dass ich zwar einen Film am Bildschirm sah, aber parallel viele andere Filme in meinem Kopfkino.

          Braunkohle und Blechmülltonnen

          Das war emotional so anstrengend, dass ich nach dem zweiten Teil vom wieder ausgeschütteten Adrenalin, vom Wechselbad aus Tränen und Glücksgefühlen völlig erschöpft war. Wie viele Menschen haben wohl diesen Film mit anderen oder ähnlichen Erinnerungswelten geschaut und sich so in diese vergangenen Jahre versetzen lassen, dass sie nicht nur wieder gesehen haben, wie sich aus dem DDR Alltag heraus die Wende langsam anbahnte und an ihrem Ende die Mauer fiel, sondern dass sie sich auch genauso gefühlt haben wie damals?

          „Der Turm“ lebt von vielen authentischen Details, sie machen die DDR selbst im Kleinen wieder lebendig: Die Kaufangebote an Autos, auf die man zwanzig Jahre nach der Bestellung warten musste, der irrationale Wert von Ersatzteilen – die man als kostbare Geschenke zu Weihnachten bekommt (Hoffmanns Geschenk ist ein Lenkrad), oder die Macht von Handwerkern, die manchmal nur für Westgeld kamen und in der Berufehierarchie weit über jedem Arzt standen.

          Alltäglich auch die Versuche, Gefälligkeiten zu erlangen, durch die Besorgung schwer zu beschaffender Baumaterialien: über Armaturen oder Dachpappe für die Datsche spekuliert der Hoffmannsche Familienrat, dass sie vielleicht den Kreisschulrat gnädig stimmen könnten, als Sohn Christian mit verbotener Literatur erwischt wird. Fast vergessen hatte ich schon die von der Asche schlechter Braunkohle qualmenden Blechmülltonnen, in deren verbeulten Deckeln manausdrucksvolle Gesichter sah oder die kleinen Papierrollen mit angebundenem Stift neben den Wohnungstüren; Telefone waren wenig verbreitet und Besuche waren oft spontan und daher manchmal vergeblich. Wenn man jemanden nicht antraf, hinterließ man eine Botschaft.

          Aber diese Kleinigkeiten bilden nur den passenden Teppich für die größere Geschichte, in der jede Szene ein Trigger für intensive Erinnerungen sein kann.

          Warten auf Westanrufe

          Die lähmende Ohnmacht war plötzlich wieder da, die Resignation und Hoffnungslosigkeit, wenn die Spitzel es nicht mal mehr für nötig hielten, ihre Tätigkeiten zu verbergen und Briefe im Studentenwohnheim einfach offen in das Postfach legten. Das Empfinden der ständigen Beobachtung, das allgegenwärtige Misstrauen– wir haben damals bei jedem Knacken in der Telefonleitung damit gerechnet, dass Dritte mithörten, manchmal haben wir sie sogar angesprochen: „Hallo Horch und Guck, viel Spaß beim Zuhören!“ Die Trauer und Sorge waren auch wieder da, wenn Freunde oder Verwandte wie mein Bruder ausgereist sind, und man nicht sicher war, ob man sich jemals wieder sieht. Das nervöse Warten auf den angemeldeten Anruf aus dem Westen, für den man sich tagelang nicht aus dem Haus, ja, nicht einmal auf Toilette traute, nur, um das eine Klingeln nicht zu verpassen, das so oft dann gar nicht kam.

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