https://www.faz.net/-gqz-a73w2

Ferdinand von Schirach : Folter und Manipulation

„Feinde“ läuft am Sonntag, den 3. Januar im Ersten und auf allen dritten Programmen. Bild: obs

Der Schriftsteller Ferdinand von Schirach hält nichts von Volksabstimmungen und will für die Prinzipien des Rechts werben. Warum arbeitet er bei seinem Filmprojekt „Feinde“ trotzdem wieder mit manipulativen Mitteln?

          7 Min.

          Von Zeit zu Zeit, wenn sie mal wieder die Last ihrer staatsbürgerlichen Verantwortung spüren, setzen sich die Programmmacher des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zusammen und denken über die ganz großen Fragen nach. Den Bildungsauftrag zu erfüllen, das klingt für die Fernsehmenschen oft grausam, nach Dokus über Nischenprobleme und deprimierenden Quoten. Zum Glück aber gibt es seit ein paar Jahren einen Mann, der regelmäßig zeigt, wie man die schwersten Menschheitsdramen als packende Geschichten aufbereitet, als Krimi, ganz ohne Blut und Spezialeffekte. Deshalb bekommen die Fernsehmacher schon lange keine Kopfschmerzen mehr, wenn sie das Gefühl befällt, sie müssten mal wieder ganz tief über Verantwortung und Freiheit nachdenken, über Schuld und Strafe, über Recht und Gerechtigkeit. Sondern rufen Ferdinand von Schirach an.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der ehemalige Strafverteidiger Schirach hat sich als Autor einen gespenstischen Erfolg erarbeitet. Seine Kurzgeschichten leben von kühlen Stakkato-Sätzen, die manche als sparsamen, harten Stil bewundern, auch wenn sie schnell ermüdend wirken, vor allem aber von einer Aura des Authentischen, obwohl die wenigsten der fiktiven Fälle aus seiner Praxis stammen. Seit ein paar Jahren hat er auch als Theaterautor eine Formel gefunden, die ein Massenpublikum in seinen Bann schlägt: In seinen Stücken „Terror“ und „Gott“ werden klassische ethisch-moralische Dilemmata verhandelt wie in einem Gerichtsprozess. Der Anwalt heißt immer Biegler, er ist eine Art Alter-Ego Schirachs, wenn er auch nicht immer die gleichen Positionen vertritt. Sämtliche Figuren sagen die klassischen Pros und Contras zu irgendeinem superrelevanten ethischen Problem auf.

          Als Theaterstück ist das ziemlich öde, weil das Stück den Figuren jede Individualität verbietet, schließlich sollen sie möglichst allgemeingültig daherreden. Aber ein besonderer Gimmick verfehlt seine Wirkung nicht: Am Ende darf das Publikum abstimmen. Bei „Terror“ muss es sich entscheiden, ob ein Major für den Abschuss eines von Terroristen entführten Flugzeugs bestraft werden soll, obwohl er damit möglicherweise Tausenden Menschen das Leben rettete, in „Gott“, ob ein unglücklicher Witwer ein tödliches Medikament bekommen soll. Oder so ähnlich. Eines der Grundprobleme von Schirachs Versuchsanordnung ist es, dass es ihm bei allem Mut zur Komplexitätsreduktion am Ende nie gelingen kann, all die Probleme, die er aufwirft, in eine einzige binäre Frage zu fassen. Deshalb stellt er am Ende immer die falschen Fragen.

          Am Erfolg ändert das nichts: „Terror“ machte Schirach zum meistgespielten Dramatiker des Landes. „Gott“ brachte es im Corona-Jahr 2020 in nicht einmal zwei Monaten auf 99 Aufführungen an acht Theatern. Besondere Fans aber haben die Stücke bei der ARD, wo beide mit viel Brimborium als Event ausgestrahlt wurden, mit prominentem Sendeplatz, Star-Besetzung, Abstimmung und anschließender Talkshow. Am kommenden Sonntag ist es schon wieder so weit, diesmal auf allen Kanälen: „Feinde“ heißt das neue Projekt, zwei Filme aus zwei Perspektiven, die gleichzeitig im Ersten und auf allen dritten Programmen laufen und dann noch einmal umgekehrt, zwischendurch gibt es eine Dokumentation. Es geht um einen Fall, der an die Entführung des Frankfurter Bankierssohns Jakob von Metzler im Jahr 2002 erinnert und an die anschließende Debatte um den Polizeivizepräsidenten Wolfgang Daschner, der dem Entführer Magnus Gäfgen damals Gewalt angedroht hatte, um das Versteck von Jakob zu erfahren. Schon in seinem Roman „Tabu“ hatte Schirach den Fall literarisch verwertet, hier erzählt er ihn nun einmal aus Sicht des Polizeikommissars Nadler (der es diesmal nicht bei der Androhung der Folter belässt), ein zweites Mal aus der des Strafverteidigers Biegler.

          Strafverteidiger Biegler (Klaus Maria Brandauer, re.) und Salomon Weider (Marc Hosemann, li.) verteidigen Kelz (Franz Hartwig) in der Verhandlung.
          Strafverteidiger Biegler (Klaus Maria Brandauer, re.) und Salomon Weider (Marc Hosemann, li.) verteidigen Kelz (Franz Hartwig) in der Verhandlung. : Bild: HR/Degeto/Moovie GmbH/Stephan Ra

          Woher aber kommt es, dass Schirach derart von der ARD hofiert wird, dass er schon wieder mit einer „historischen Programmierung“ gewürdigt wird, wie es Programmdirektor Volker Herres ausdrückt? Es liegt wohl nicht nur an seinem Talent, schwierige juristische Sachverhalte für Laien zugänglich zu machen. Das moralische Geraune der Stücke funktioniert perfekt als Feuerwerk für den staatstragenden Budenzauber, den die Öffentlich-Rechtlichen so gern in ihre Programmhefte schreiben: Als Philosophie fürs große Publikum funkeln sie dort, „sachlich differenziert“ und doch „emotional fesselnd“.

          Und die Idee des Zuschauerurteils scheint ganz von selbst für jenes Engagement des Publikums zu sorgen, das Kritiker so oft vermissen, das lässt sich jedenfalls werbewirksam behaupten: Sie zwinge die Zuschauer geradezu dazu, sich verantwortungsvoll mit dem Thema auseinanderzusetzen. Schließlich, so mahnte Herres vor der Ausstrahlung von „Terror“, entschieden sie „nicht nur über den Ausgang eines Fernsehfilms, sondern über das Schicksal eines Menschen“. Zum Glück wurde der Angeklagte damals freigesprochen, sonst säße sein Darsteller Florian David Fitz heute im Gefängnis.

          Nicht alle teilten Herres’ Einschätzung, ein solches Spektakel werde „die Idee von Fernsehen als einem gesellschaftlichen Diskursmedium weiter voranbringen“. Unter anderem die FDP-Politiker Gerhart Baum und Burkhard Hirsch kritisierten „Terror“ in dieser Zeitung vehement, Hirsch sprach von „Effekthascherei“. Bei „Gott“ beschwerten sich Mediziner und Psychologen in einem offenen Brief über das „Zerrbild“, das die handelnden Personen abgäben. In beiden Fällen zeigte sich jedoch eine weitere Qualität der Filme als effektiver Simulator ihrer eigenen Relevanz: Das Konzept der Zuschauerbeteiligung ermöglicht den Fernsehmachern, so zu tun, als gäbe es gar kein Außen ihres Programms. So konnte Herres die Kritik an „Terror“ als „bereichernden Beitrag zur Diskussion“ eingemeinden und Produzent Oliver Berben sich freuen, dass „Gott“ „anscheinend genau das macht, was wir uns gewünscht haben – nämlich eine Debatte in Gang setzt“. So funktionieren Schirach-Events wie ein geschlossenes System.

          Recht kennt keine Ausnahmen

          Schirach selbst hat sich gegen die Kritik an seinem Konzept auf ganz ähnliche Weise immunisiert. Die interessante Pointe seiner Werke ist nämlich, dass er sich regelmäßig deutlich von den populistischen Effekten distanziert, denen er seinen Erfolg verdankt. Von Volksabstimmungen hält er wenig, er sei „ganz gegen eine direkte, eine absolute Demokratie“, in der Sache votiert er meistens anders als die Mehrheit der Zuschauer (mit Ausnahme der Hilfe beim Suizid). Noch dezidierter als bei „Terror“ hat er beim Thema Folter klargemacht, dass er kompromisslos auf der Seite des Rechts steht. Deshalb, so sagt er, habe man bei „Feinde“ auf eine Abstimmung verzichtet: „Über Folter darf es niemals eine Abstimmung geben“, sagte er in einem Interview. „Sie ist verboten und geächtet, und das muss so bleiben. Unbedingt und ohne jede Ausnahme.“

          Christine Strobl, Geschäftsführerin der koproduzierenden Degeto, erklärt den Verzicht kurioserweise genau umgekehrt damit, dass es diesmal „nicht um eine klar zu beantwortende Frage“ gehe. Allen Bekenntnissen zum Trotz gibt es die Abstimmung, die es nicht geben darf, dann doch, wenn auch indirekt: In einer Testvorführung des Films in einem Münchner Kino werden ausgewählte Besucher aus drei Gruppen – Polizisten, Jurastudenten und Eltern – gefragt, ob sie es für gerecht halten, dass der Entführer im Prozess am Ende des Films freigesprochen wird, weil sein Geständnis durch Gewalt erzwungen wurde. Alle drei Gruppen halten das mehrheitlich für ungerecht und äußern damit Verständnis für den folternden Beamten, bei den „Eltern“ sind es 84 Prozent.

          F.A.Z. Newsletter Coronavirus

          Täglich um 12.30 Uhr

          ANMELDEN

          In einer Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2017 hat sich Schirach zu dem Paradox geäußert, warum sein Publikum Urteile fällen solle, obwohl er doch gegen Volksentscheide sei. „Theater und Literatur haben ganz andere Aufgaben als Politik und Justiz“, sagte er und entwarf dann einen utopischen Raum vom Theater als Forum für die „res publica“, in dem nach der Aufführung leidenschaftlich über Gesellschaft und Verfassung diskutiert wird. Die Abstimmung diene nur der Anregung einer Debatte, von der er zwar eben noch gesagt hatte, dass es sie nicht geben dürfe, aber man muss ja nicht immer mit sich selbst einer Meinung sein.

          Woran aber liegt es nur, dass sich die Zuschauer von Schirachs Stücken nach all diesen anregenden Debatten chronisch von ihrer emotionalsten Seite zeigen? Dass selbst die so brillanten Plädoyers seiner Bieglers nichts gegen ihre Privatmoral ausrichten können? Dass sie einfach nicht verstehen wollen, wie gefährlich es ist, das eigene Gewissen über die Prinzipien des Rechtstaats zu stellen? Auf den ersten Blick ist das überraschend, weil Schirach alles dafür tut, die besten Argumente für das Recht zu liefern. Im Fall von „Feinde“ zeigt sich das besonders deutlich: Die ganze Inszenierung, das ganze Gerede von der jeweils „vollkommen anderen Seite der Geschichte“, ist ein einziger Bluff. Denn schon die Version des Kommissars ist ein Plädoyer gegen die Folter.

          Wo liegen die Grenzen?

          Weil die Figur, die selbst Darsteller Bjarne Mädel als „etwas holzschnittartig“ empfand, keine Gestalt annimmt oder irgendwelche Abgründe offenbart, lässt sich auch ihre Entscheidung, Gewalt anzuwenden, überhaupt nicht nachvollziehen. Und auch im anschließenden Prozess, dessen Darstellung sich in beiden Versionen kaum unterscheidet, kann Nadler den Argumenten des Anwalts nichts entgegenhalten. Ob die „Rettungsfolter“, wie der Polizist sie gerechtfertigt findet, „unter ärztlicher Aufsicht stattfinden soll“; ob an den Polizeiakademien Folterknechte ausgebildet werden sollen. Wo die Grenzen liegen und wer sie bestimmt – auf diese Fragen hat er keine Antwort.

          Deshalb ist aber auch völlig überflüssig, die Geschichte noch einmal aus der Sicht von Biegler zu erzählen – außer man will, was Klaus Maria Brandauer ganz gut gelingt, der Eitelkeit juristischer Prinzipienreiterei ein besonders selbstgefälliges Gesicht geben. Das nämlich sind die ästhetischen Effekte, die Schirachs Plädoyers unterlaufen, und vermutlich weiß er das sehr genau. Selbst seine Kasperlefiguren sind suggestiv genug, dass das Publikum nicht anders kann, als immer auch über die Inszenierung abzustimmen.

          Am Ende lässt sich nie unterscheiden, ob es auf Grundlage ethischer Prinzipien oder auf der von Sympathie entscheidet; ob es für Freispruch ist oder nur gegen Brandauer. Auch vor diesen Mechanismen psychologischer Manipulation hat Schirach in seiner Salzburger Rede gewarnt: „Wenn ich Sie jetzt bitte, sich einen Mann mit Hut vorzustellen, können Sie gar nicht anders – Sie haben jetzt tatsächlich meinen Mann mit Hut in ihrem Kopf. Unsere Welt funktioniert so, weil unsere Gehirne so funktionieren.“ Schirach zeigt den Zuschauern: eine traurige Familie, einen liebevollen Kommissar, einen eingebildeten Anwalt. Und ein totes Kind. Wie würden Sie entscheiden?

          Was aber kann, ließe sich einwenden, Ferdinand von Schirach dafür, dass sich die Menschen von Gefühlen leiten lassen und nicht von Argumenten? Er könnte vielleicht aufhören, so zu tun, als wisse er das nicht. Wenn es Schirach tatsächlich darum ginge, die Gewissheiten der Zuschauer zu erschüttern, müsste er radikaler, origineller, subjektiver erzählen. Innerhalb der Konventionen eines Fernsehspiels ist das kaum möglich.

          Wenn Schirach aber zeigen will, wie leicht sich Menschen durch Geschichten manipulieren lassen, so plump und simpel sie auch gemacht sind, hat er alles richtig gemacht.

          „Feinde“ läuft heute ab 20.15 Uhr in verschiedenen Versionen im Ersten und auf allen dritten Programmen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Was wird wohl eher ankommen, das Internet oder die Schnecke?

          Investitionsstau : Glasfaser im Schneckentempo

          In Berlin werden gerade Milliarden für Zukunftsinvestitionen gesucht. Dabei zeigt die lange Geschichte des Breitbandausbaus: Geld allein ist keine Lösung. Die wahren Probleme liegen woanders.
          Nichts geht mehr: Schiffsstau vor der Küste und Containerstau im Hafen von Long Beach in Kalifornien

          Chaos in den Lieferketten : Auf See liegen die Nerven blank

          Vor Los Angeles und Long Beach warten rund einhundert Frachter auf ihre Abfertigung - ein neuer Rekord. Die globalen Lieferketten kommen an immer mehr Stellen an ihre Kapazitätsgrenze.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.