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Arte-Doku zu Extremismus : Der Gewalt abschwören

  • -Aktualisiert am

Manuel stieg aus der Szene aus. Heute lebt heute er aus Sicherheitsgründen zurückgezogen und isoliert. Bild: © Saint Usant

Die Filmemacherin Karen Winther hat selbst erfahren, wie schwer der Ausstieg aus der Extremisten-Szene ist. Deshalb drehte sie eine Dokumentation darüber. Diese ist sehr aufschlussreich.

          In vielen Kellern steht irgendwo eine Kiste, in der die eigene Jugend schlummert: Blockflöte, Punk-T-Shirt, Jugend-forscht-Preis oder geköpfte Barbie-Puppen. Auch der norwegischen Filmemacherin Karen Winther fiel gelegentlich eines Umzugs eine solche Kiste in die Hände, randvoll allerdings mit Hakenkreuz-Devotionalien, Relikten einer lange verdrängten rechtsextremen Phase.

          So beschloss sie, den mühevollen Ausstieg aus dieser Szene zum Gegenstand einer Dokumentation zu machen. Diese beginnt mit harter Selbstkritik – „Wie konnte ich andere Frauen schlagen? Tief im Inneren frage ich mich, ob in mir etwas Böses steckt“ –, weitet sich aber bald zu Vergleichsfällen hin. Es beeindruckt, mit welcher Offenheit die Geläuterten, fünf ehemalige Rechtsradikale und ein Fahnenflüchtiger des Dschihads, über ihre sie inzwischen beschämende Verstrickung in Gewaltideologien sprechen.

          Was Karen Winther fasziniert hatte, war nicht der intellektuelle Rechtsextremismus der vor zwei Jahrzehnten noch kaum bekannten „Identitären“, sondern die stumpfe Variante: Grölen, Saufen, Landser-Rock, Ausländer niederknüppeln. Dieser Skinhead-Neonazismus mit seiner pubertären Wir-gegen-alle-Mentalität war von Beginn an und noch viel stärker als der autochthone Nazismus eine Jugendbewegung. Wir haben es hier geradezu mit einem Lehrbuchbeispiel für Radikalisierung zu tun: eine gemobbte Außenseiterin, die Zugehörigkeit zunächst in der linken Szene suchte, aber mit sechzehn Jahren zu den verachteten Rechten wechselte: „Als jemand sagte, dass die Neonazis eine Gruppe von Losern seien, dachte ich: Vielleicht gehöre ich da hin.“ Die verbotenen Symbole, die Musik, das sei „fast wie eine Droge“ gewesen. So weit, so gängig.

          Spannend wird es beim Ausstieg, diesem durchaus riskanten Bruch mit dem sozialen Umfeld, denn die „Kameradschaft“ vergilt „Verrat“ nicht selten mit Gewalt. Eine erste Erkenntnis lautet, dass der Ausstieg kein Schritt ist, sondern ein Prozess. Ähnlich wie bei Alkoholikern dauert er lebenslang an. Erstaunlich ist auch, was genau in den beleuchteten Fällen den Anstoß zur Reflexion gab. Ingo Hasselbach, als Mitbegründer des Programms „Exit Deutschland“ eine Art Vorzeige-Aussteiger, wurde durch bohrende, Abscheu nicht verbergende Nachfragen des Filmemachers Winfried Bonengel, der ihn ein Jahr lang mit der Kamera begleitet hatte, verunsichert, und zwar so sehr, dass er schließlich (nach den Morden von Mölln) die rechtsextreme Szene verließ.

          Einen anderen Ex-Neonazi, Manuel, beeindruckte es, dass ihm bei einer Prügelei mit „Kameraden“ ausgerechnet zwei Türken beisprangen. Ähnlich berichtet eine ehemalige „Aryan Nations“-Rassistin aus Florida von ihrer Bekehrung, als ihr im Gefängnis farbige Frauen mit Nächstenliebe und Mitgefühl begegneten. Für den französischen Islamisten David reichte bereits die Feststellung, in der Haft entgegen seinen Erwartungen nicht gefoltert zu werden. Er durfte sogar lesen und begann allmählich zu begreifen, „dass die fanatische Doktrin des Dschihads, nach der alle außer uns zur Hölle fahren werden, eine Lüge ist“. All das mag zeigen, dass Radikalisierte oft mit schlichtesten Mitteln und etwas Zuwendung zu erreichen sind. Allerdings reicht der Entschluss zum Ausstieg noch keineswegs aus.

          Karen Winther schaffte es „raus aus dem Hass“ nur mit der Hilfe einer Bekannten aus ihrer linksalternativen Zeit, die die Strauchelnde ohne Groll bei sich aufnahm. Exit-Programme bieten Aussteigern heute Hilfe an. Auf ein komplett neues Leben an einem vermutlich weiter entfernten Ort wird man sich einstellen müssen. Am schwierigsten aber scheint es sein, mit sich selbst ins Reine zu kommen.

          David und Karen Winther befanden sich am Rande des Suizids. Die Rassistin aus Florida konnte fünfzehn Jahre lang nicht ohne Scham in den Spiegel sehen. Und die Schuldgefühle – etwa für Manuels Tritte in den Bauch einer Schwangeren, die daraufhin Blut spuckte und einen Not-Kaiserschnitt benötigte – werden niemals enden. Man hat es, da ist der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete Film in seiner Schonungslosigkeit deutlich, bei Extremisten mit Tätern zu tun, nicht mit Opfern, so triftig sich ihr Abweg auch erklären lassen mag (schwere Kindheit; Ausgrenzung; Vergewaltigung). Sich den eigenen Dämonen in solch öffentlicher Weise zu stellen, auch, um Zweiflern in der Szene Mut zu machen, nötigt jedoch Respekt ab.

          Exit – Mein Weg aus dem Hass, heute, Dienstag 29. Januar, um 22 Uhr auf Arte.

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