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Gespräch mit „Stern“-Chefredakteur Christian Krug : Bei uns ist nichts durchgesickert

„Politik ist auch People’s Business“: Christian Krug führte das Interview mit Sigmar Gabriel. Bild: Imago

Wie kam es zu dem Interview, in dem Sigmar Gabriel seinen Rückzug ankündigte? Gereicht es dem SPD-Chef nicht zum Nachteil, dass die Genossen davon durch die Presse erfahren? Der „Stern“-Chef gibt Antwort.

          3 Min.

          Herr Krug, es scheint, dass Sie am 5. November des vergangenen Jahres schon schlauer waren als fast alle anderen, als die meisten in der SPD und darüber hinaus. Da deutete Ihnen Sigmar Gabriel an, er werde die Parteiführung abgeben und nicht Kanzlerkandidat. Schien Ihnen sein Entschluss da schon gefasst?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Ich fand, es war noch offen. Er hat gesagt, er trage sich mit dem Gedanken. Vielleicht wollte er auch meine Meinung dazu hören. Er hat das mit mehreren Gesprächspartnern und Vertrauten gemacht – die Möglichkeit diskutiert, dass er die SPD nicht in den Wahlkampf führt. Ich hatte den Eindruck, dass sein Entschluss noch nicht ausgereift war. Das war damals noch keine Nachricht, sondern ein Gedanke.

          Sie hielten kontinuierlich Kontakt zu Sigmar Gabriel. Als Sie am vergangenen Sonntag zum Interview nach Goslar fuhren: Was haben Sie erwartet?

          Wir haben über einen langen Zeitraum Kontakt gehalten, wir haben uns persönlich getroffen und miteinander gesprochen. Ich hatte das Gefühl, er war vor allen Dingen in Sorge um seine Partei. Das nehme ich ihm auch ab. Er ist mit Leib und Seele Parteivorsitzender, und es macht ihn auch stolz, Vorsitzender der SPD zu sein. Er wusste nur irgendwann: Er ist nicht der richtige Kandidat. Wer aber die Partei in den Wahlkampf führt, muss auch ihr Vorsitzender sein. So musste er auch diesen Platz räumen. Seine Zerrissenheit in dieser Frage dauerte, glaube ich, bis in die vergangene Woche hinein. Mein Gefühl sagte mir: Er macht es nicht. Das war ein Bauchgefühl. Dann haben wir unseren Vertrieb angewiesen, am Mittwoch zu erscheinen, weil ich wusste, dass Gabriel seinen Entschluss am Dienstag dem Parteivorstand und der Bundestagsfraktion mitteilt.

          Dienstag kam die Geschichte raus. Musste sie, da Gabriel seine Leute einweihte.

          Aber da hatten wir unser Heft schon unter höchster Geheimhaltung gedruckt. Das ist bei einem Druckauftrag von einer Million Exemplaren keine Kleinigkeit. Am Ende war es ein Medienportal, das auf irgendeinem Wege, aber nicht von uns, den Titel bekommen hatte – nicht das Heft. Dann nahm die Sache ihren Lauf und hatten wir es nicht mehr in der Hand. So ist das manchmal.

          Im Interview scheint es so, als habe Gabriel selbstlos die beste aller möglichen Entscheidungen für seine Partei getroffen. Könnte nicht das Gegenteil der Fall sein? Er zieht die Notbremse angesichts einer Lage, in der es für ihn keine andere Aussicht gab, als in eine Niederlage zu gehen?

          Das mag so sein. Er hat gesehen, er bewegt sich mit der SPD bei einem Stimmenanteil von 21 bis 23 Prozent. Ganz gleich, was er tat, intern und extern, es blieb bei diesen 21 bis 23 Prozent. Da musste er die Notbremse ziehen und den Weg frei machen. Das gibt er ja auch ganz offen zu.

          Was überwiegt bei Gabriels Entschluss, das Persönliche oder das Politische?

          Ich glaube, es überwiegt das Politische – durchaus in einer Mischung mit dem Privaten. Er hat mir gesagt, er fühle sich das erste Mal seit zehn Jahren wirklich frei. Den Satz hat er mir erst am Ende des Interviews gesagt. Er wirkte auch befreit. Als wir mit dem Gespräch fertig waren, sagte er zu seiner kleinen Tochter: Jetzt gehen wir rodeln. Das klang wie der Beginn eines neuen Lebens.

          So, der macht das jetzt: Sigmar Gabriel gibt den Weg frei für Martin Schulz.

          Das Gespräch erscheint wie ein Scoop, perfektes Timing. Andererseits könnte es Sigmar Gabriel auch zum Nachteil gereichen, dass er diesen Weg gewählt hat: Erst spricht er mit Ihnen, dann erfahren die Genossen davon.

          Ist es nicht zwangsläufig, dass bei großen Politikerinterviews, in denen Entscheidungen bekanntgemacht werden, die Parteileute es auf diese Weise und über die Medien erfahren? Das Gespräch mit Sigmar Gabriel ist ja auch ein bisschen ein Vermächtnis-Interview. Das wollte er nicht zwischen Tür und Angel führen, sondern bedacht für diesen Moment. Das wollte er sich nicht aus der Hand nehmen lassen. Darauf hat er geachtet.

          Warum er Ihnen das erzählt und nicht anderen?

          Politik ist auch People’s Business. Einerseits sucht man sich Medien aus, die groß genug sind, um Gehör zu finden, auf der anderen Seite muss man darauf vertrauen können, etwas sagen zu können, ohne sofort mit dem Rücken an der Wand zu stehen. Ich glaube, Sigmar Gabriel hatte das Vertrauen, dass ich nichts veröffentliche, bevor seine Entscheidung gereift ist.

          Bei Ihnen sickerte nichts durch.

          Wir haben nur einen ganz kleinen Kreis eingeweiht. Es hat gehalten, darauf bin ich auch stolz, dass wir etwas geheim halten können. Das muss man für die SPD aber auch sagen: Da ist bei den Eingeweihten auch nichts durchgesickert. Diese Disziplin war Sigmar Gabriel offenkundig wichtig.

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