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Erdogan und Özil : Elfmeter verwandelt

24. Dezember 2011 in Ankara: Mesut Özil übergibt Recep Tayyip Erdogan ein Trikot von Real Madrid. Bild: Getty

Mesut Özil erklärt seinen Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalelf und übt Kritik an vermeintlichem Rassismus. Damit hat der türkische Präsident Erdogan die Weltmeisterschaft gegen Deutschland gewonnen. Ein Kommentar.

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          Betrachtet man die Aufregung um den Rückzug des Fußballspielers Mesut Özil aus der deutschen Fußballnationalmannschaft und seine Rundumkritik am Deutschen Fußball-Bund, den Medien und der Öffentlichkeit; betrachtet man seinen pauschalen Vorwurf, hier handele es sich um Rassismus, mit dem er auf die Kritik an seinem gemeinsamen Auftritt mit Recep Tayyip Erdogan antwortet, aus der Warte des türkischen Präsidenten, könnte man sagen: Lange lag der Ball auf dem Elfmeterpunkt, doch jetzt hat ihn Mesut Özil sicher verwandelt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Denn bei aller inneren Zerrissenheit, die man dem Spieler zugestehen mag; bei aller Überforderung, in persona vorbildhaft für geglückte Integration stehen zu sollen und deshalb von vielen Seiten mit überzogenen Erwartungen konfrontiert zu sein – für Erdogan läuft alles nach Plan und fügt sich, wie es ihm gefällt.

          Denn jetzt hat sein Justizminister Abdulhamit Gül die Gelegenheit zu sagen, Mesut Özil habe mit dem Verlassen des deutschen Nationalteams „das schönste Tor“ geschossen – „gegen das Virus des Faschismus“. Diesen „Faschismus“-Vorwurf haben Erdogan und seine Lautsprecher in den vergangenen Jahren immer wieder erhoben, wenn es darum ging, Politik und Gesellschaft in Deutschland maximal einzuschüchtern und zu spalten.

          Faschismus plus Rassismus plus Opfer-Legende. Darauf lautet der kommunikative Dreisatz Erdogans. Er sieht sich, obwohl stets auf Angriff und Vernichtung seiner Gegner gebürstet, stets als Opfer und mit ihm alle Deutschen türkischer Herkunft, die in Deutschland ihrer Wurzeln beraubt würden. Die Botschaft lautet: Es kommt nicht darauf an, was jemand sagt oder was er tut, es gibt keine Integration, sondern nur Assimilation, also Aufgabe der eigenen kulturellen Wurzeln, ihr aber gehört zu uns.

          13. Mai 2018 in London: Mesut Özil und Recep Tayyip Erdogan.

          Ich bin rassistisch beleidigt worden, und damit alle Menschen türkischer Herkunft in der Bundesrepublik – das ist der Tenor, mit dem Erdogan gegen den ZDF-Moderator Jan Böhmermann vor Gericht vorgeht. Wird die Bundesrepublik in irgendeinem politischen Zusammenhang gebraucht und hilft derlei Gewaltrhetorik nicht weiter, betonen Erdogan und seine Leute dann plötzlich die vermeintlich engen Beziehungen zu Deutschland. Dies aber nur solange, wie Berlin nicht pariert. Im äußersten Fall braucht es ein Faustpfand wie den „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel, der unter fadenscheinigen Umständen verhaftet wurde, mehr als ein Jahr lang in türkischer Haft saß und dann plötzlich freikam.

          Für Mesut Özil mag es überraschend gewesen sein, dass sein Foto mit Erdogan im Jahr 2018 ganz anders aufgenommen wurde als die Aufnahmen von den Treffen zuvor. Özil und Erdogan trafen sich etwa im Jahresturnus. Den Beratern des Fußballspielers dürfte indes nicht entgangen sein, dass der Erdogan von heute nichts mehr mit dem von vor sechs oder sieben Jahren zu tun hat, und dass das Bild, das Mesut Özil als Respektserweis für das Amt verstanden wissen will, für den türkischen Präsidenten etwas ganz anderes war – ein fabelhafter Ersatz für Wahlkampfauftritte in Deutschland.

          Das Bild mit Özil, der bei Twitter 23 Millionen Follower hat, und Ilkay Gündogan, war pures Gold und pures Gift. Es hat gewirkt und es wirkt weiter, zwei Monate, nachdem es geschossen wurde. Wie es wirkt, das sollte mindestens den Beratern bewusst sein, die an der dreiteiligen Erklärung Mesut Özils (in der er sich übrigens die Rückkehr in die Nationalmannschaft offen hält), mitgewirkt haben. Man unterstütze „von ganzem Herzen die ehrenhafte Haltung, die unser Bruder Mesut Özil gezeigt hat“, sagte der türkische Sportminister Mehmet Kaspoglu. Für den Autokraten Recep Tayyip Erdogan, das sollte einem klar sein, ist dieses Spiel noch lange nicht vorbei.

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