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Fernsehen mit Empathie : Gib mir fünf!

Pädagogik mit Lipgloss und Avocadosandwiches: Die fünf von „Queer Eye“. Bild: Christopher Smith/Netflix

Der Reality-Show „Queer Eye“ gelingt für die Dauer jeder Folge, was in der Realität weit entfernt scheint: Trumps zerrüttetes Amerika zu befrieden. Oder ist das nur Fernsehen?

          6 Min.

          Das Hemd nicht in die Hose zu stecken, war einmal ein Provokation. Damals, als Jungs die Scheitel besonders gerade über den Kopf gekämmt bekamen, oberhalb eines sauber ausrasierten Nackens, da gehörte das Hemd nämlich in die Hose, als Ausdruck geordneter Verhältnisse. Inzwischen darf das Hemd hängen, wo es will, und auch der Scheitel ist so oft abgeschafft und wieder ins Haar gezogen worden, dass man in seinen Verlauf gar nichts mehr hineinlesen kann. Höchstens, dass da jemand zu früh oder zu spät für eine Mode ist, oder mittendrin, oder komplett draußen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Hemd aber nur vorn in die Hose zu stecken, so dass es links und rechts davon heraushängt, nennt man seit neuestem „french tuck“. Vielleicht heißt dieser Stil sogar schon länger so, und vermutlich trägt man Hemden auch nicht nur in Frankreich auf diese spezielle Weise, aber erst die amerikanische Reality-Show „Queer Eye“ hat den Ausdruck vergangenes Jahr populär gemacht. So dass man, wenn man heute nach „Queer Eye“ im Netz sucht, schnell auf „french tuck“ stößt – und sofort auf „Queer Eye“, wenn man umgekehrt „french tuck“ eingibt.

          Selbstermächtigung mit Schminke

          In der Styling-Show, deren neueste Staffel seit zehn Tagen auf Netflix läuft, geht es jedoch nur vordergründig darum, wie einem wo die Hemden heraushängen. Es geht auch nur vordergründig um Mode, Essen, Design und Körperpflege oder darum, dass fünf homosexuelle Männer, die allesamt blendend aussehen, anderen Menschen dabei helfen, das auch zu versuchen: Denn „Queer Eye“ ist eine Selbstermächtigungsshow für eine zerrüttete Nation. Der Versuch einer Schlichtung, Pädagogik mit Lipgloss und Avocadosandwiches.

          Stilbildend: Der „french tuck“ in „Queer Eye“.

          Es gibt kaum ein anderes Format – jedenfalls keines, in dem es auch um Schminke und Shopping geht –, das so engagiert versuchen würde, jene Gräben zu überbrücken, die durch die Vereinigten Staaten von Trump verlaufen. „Queer Eye“ schafft es, diese Konflikte zu befrieden: zwischen einem weißen Polizisten und einem schwarzen Mann. Zwischen einem gläubigen Homosexuellen und seiner konservativen Gemeinde. Zwischen oben und unten. Zwischen Norden und Süden. Zwischen Stadt und Land. Auch wenn der Frieden dann nur für die Dauer einer Folge hält. Auch wenn das nur Fernsehen ist, Reality-TV noch dazu.

          Aber man darf nicht vergessen, dass Amerika momentan von einem Präsidenten regiert wird, der selbst mit einer Reality-TV-Show berühmt geworden ist: „The Apprentice“. Eine Show, in der Donald Trump den Chef spielte und regelmäßig Leute feuerte. Und die er offenbar selbst für den Maßstab seiner eigenen Wirklichkeit hält.

          Haare schneiden, Freunde werden

          „Queer Eye“ aber setzt darauf, reale Verhältnisse am inszenierten Beispiel ändern zu können. Fünf schwule Männer brechen in ihrem riesigen Geländewagen in die amerikanische Gegenwart auf: In den ersten zwei Staffeln liegt ihr Hauptquartier in Atlanta, in der dritten ist es jetzt Kansas City in Missouri. Das eine ist die schwarze Hauptstadt der Südstaaten, das andere so etwas wie die mittlerste Mitte des mittleren Amerikas. Die fünf – Tan ist für Mode zuständig, Jonathan für Haare, Antoni für die Küche, Bobby fürs Wohnen, Karamo für die Lebenseinstellung – fahren los, um ihren Kandidaten dabei zu helfen, ihr Äußeres, ihr Zuhause, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Sie treffen auf einen einsamen Lastwagenfahrer, eine überforderte Mutter, einen sechsfachen Vater, einen weißen Polizisten, einen abgebrochenen Studenten, einen transsexuellen Mann. Sie schneiden ihnen die Haare. Sie kochen mit ihnen. Sie renovieren ihnen die vier Wände. Sie sprechen von Selbstrespekt und Verantwortung. Und sie zeigen ihnen, wie man das Hemd vorn hinter den Gürtel steckt und links und rechts davon heraushängen lässt.

          Kommt, lasst uns die Verhältnisse erträglicher machen: „Queer Eye“ ist eine Show der Versöhnung und Rücksichtnahme.

          Und auch wenn einem geübten Publikum sonnenklar sein dürfte, dass bei einer Reality-Show nichts dem Zufall überlassen bleibt, damit es dann am Ende möglichst lebendig wirkt: Der große Ernst ist echt, mit dem „Queer Eye“ immer wieder modellhaft vorführt, unter welchen Bedingungen gesellschaftlicher Frieden möglich wird. Dieser Ernst treibt das Format voran, das es vor 15 Jahren schon mal gab und später abgesetzt wurde. Damals hieß es noch „Queer Eye for the Straight Guy“, spielte vor allem im Großraum New York und drehte sich um weiße heterosexuelle Männer, die sich nicht anziehen können und auch am Rest scheitern. Es war das Amerika nach dem 11. September, als der Rückzug in die eigenen vier Wände – was man in Lifestyle-Magazinen damals „Cocooning“ taufte – verführerisch war, eine Art Realitätsverweigerung angesichts angespannter Verhältnisse.

          Kaninchen in Kansas

          Das neue „Queer Eye“ aber, gedreht seit 2017, spielt also in Trumps Amerika. Es geht nicht mehr allein darum, weiße heterosexuelle Männer upzudaten, und Rückzug kann man sich sowieso nicht leisten. Ohne dass der Präsident namentlich zur Sprache kommt, ist seine Präsenz in den neuen Folgen allgegenwärtig. Und sei es nur, weil die fünf schwulen Männer immer wieder an jene universalistischen Prinzipien des gesellschaftlichen Zusammenlebens appellieren, die Trump permanent zu desavouieren versucht: Rücksichtnahme. Empathie. Verständnis. Die Show zielt dabei konfrontativ auf jene Antagonismen zwischen Stadt und Provinz und oben und unten, die Trump immer wieder beschwört, um aus ihnen politisches Kapital zu schlagen. „Queer Eye“ behauptet dabei keineswegs, dass es diese Antagonismen nicht gibt. Sondern, und das ist das Entscheidende, das Politische daran: dass man sie beeinflussen, verändern, erträglicher machen kann.

          Es muss nicht immer Camouflage sein: Auch wer sein Essen selbst schießt, kann Absätze tragen, ohne an Stärke zu verlieren.

          In der ersten Folge der neuen Staffel besucht die Crew die neunundvierzigjährige Jody Castelluci aus dem ländlichen Missouri: eine Vollzugsbeamtin, die beim ersten Rendezvous mit ihren Mann auf die Jagd gegangen ist und am liebsten Tarnkleidung trägt, und zwar ständig. Tan bringt ihr sofort den „french tuck“ bei, Antoni, der Küchenexperte, geht mit ihr essen, ins „Novel“ in Kansas City. „Ich fühle mich in einem schicken Restaurant nicht wohl“, sagt sie. „,Schick‘ klingt, als sei es elitär oder falsch, lass uns doch von ,besonders‘ sprechen“, antwortet er. „Mir fehlt einfach das Selbstbewusstsein, mich an so einem Ort willkommen zu fühlen, weil wir nicht so elegant sind“, erklärt sie dann, im Original sagt sie country backwards. Worauf Antoni ihr vorschlägt, es doch mal so zu sehen, dass sie sich einfach um wichtigere Dinge kümmern muss. Am Ende serviert ihnen der Küchenchef Kaninchen, und Jody lacht und sagt, das Rezept könnte sie ja auch mal mit Eichhörnchen probieren – die bei ihr daheim im Gefrierfach liegen, selbstgeschossen.

          Kirche und Familie als soziale Fundamente

          Das charmante Umdrehen der Vorzeichen ist typisch für die Show. „Queer Eye“ formuliert keine Utopie, ist nicht umstürzlerisch, im Gegenteil: Institutionen wie Kirche und Familie werden als soziale Fundamente gefeiert – selbst wenn es immer wieder darum geht, wie man mit beidem hadern kann. Bobby, der Designexperte, ist als Teenager vor seiner tiefgläubigen Familie aus der Provinz davongerannt; wie verstoßen er sich bis heute fühlt, kommt immer wieder zur Sprache, wenn die fünf auf Kandidaten treffen, denen es ähnlich geht.

          Keine umstürzlerische Utopie: Die beiden Schwestern vom Barbecue-Grill bekommen immerhin eine neue Klimaanlage und eine Massage.

          In einer anderen Folge sitzt Karamo, der einzige Schwarze unter den Fünfen, in Georgia am Steuer ihres Geländewagens, als ein Polizeibeamter sie stoppt: Es ist ein Kollege des Kandidaten und der Vorfall von der Produktion inszeniert. Der nichtsahnende Karamo findet das offensichtlich nicht witzig, im Verlauf der Folge aber sprechen sich Kandidat und Experte über Polizeigewalt und die „Black Lives Matter“-Bewegung aus. Tan wiederum, geboren im englischen Yorkshire, Sohn pakistanischer Eltern, entdeckt im Kleiderschrank eines Kandidaten einen Mitgiftkoffer, wie er ihn von zu Hause kennt, weil solch einen Koffer ungefähr jeder Inder und Pakistani besitzt, die Eltern beginnen zu sammeln, noch bevor das Kind auf der Welt ist. Dann fragt er Neal, einen alleinstehenden App-Entwickler mit massivem Bart, ob der sich, mit diesem Koffer in der Wohnung, nicht unter Druck gesetzt fühlt, eine Hinduistin zu heiraten. Und wie die beiden da voreinander stehen und sich gegenseitig ihrer Unabhängigkeit versichern, was man so ganz nicht glauben mag: Das ist einer jener inszenierten Augenblicke, in denen aber so etwas wie Wahrhaftigkeit sichtbar wird.

          Der umgestylte Neil trägt dann am Ende seiner Folge sein Hemd im „french tuck“, wie sonst. Und nicht nur er: Auch der amerikanische Botschafter in Berlin tut das, Richard Grenell, ein Republikaner und diplomatischer Seiteneinsteiger, der, als er im vorigen Mai sein Amt antrat, erklärte, die konservativen Kräfte in Europa stärken zu wollen. Und das „Erwachen“ einer „stillen Mehrheit“ beschwor, die sich, angeführt von Trump, gegen die „Eliten und ihre Blase“ erhebe. In der vergangenen Woche ist Grenell wieder in die Schlagzeilen geraten, weil er Pläne für den deutschen Verteidigungshaushalt kritisierte, was sogar die Bundeskanzlerin zum Widerspruch reizte. Grenell teilt oft aus. Er droht. Er poltert. Er hält sich, wie jener Präsident, der ihn nach Berlin schickte, nicht mit den Anstandsformen der Politik auf, und als er jetzt die deutsche Militärpolitik kritisierte, gelangte ein Foto von ihm in die Zeitung, das schon auf der Berlinale im Februar aufgenommen worden war: Es zeigt den Botschafter mit seinem Lebensgefährten Matt Lashey. Grenell trägt Turnschuhe zum Jackett. Sein T–Shirt hat er vorn hinter den Hosengürtel gesteckt, so dass es links und rechts davon heraushängt.

          Auch das Hemd ist eine Botschaft: Richard Grenell mit seinem Partner bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin im Februar.

          Es ist eine eigenartige Vorstellung, dass der amerikanische Botschafter in seiner Residenz sitzt, „Queer Eye“ schaut, sich das Hemd im „french tuck“ in die Hose steckt und darauf hofft, dass eine stille Mehrheit endlich die Eliten davonjagt. Man hofft ja doch gerade darauf, dass ein Format, welches daran festhält, noch die härtesten Gegensätze diplomatisch lösen zu können, etwas bewegen könnte. Aber vielleicht denkt der Botschafter auch, es sei nur Fernsehen.

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