https://www.faz.net/-gqz-9l69x

Fernsehen mit Empathie : Gib mir fünf!

Pädagogik mit Lipgloss und Avocadosandwiches: Die fünf von „Queer Eye“. Bild: Christopher Smith/Netflix

Der Reality-Show „Queer Eye“ gelingt für die Dauer jeder Folge, was in der Realität weit entfernt scheint: Trumps zerrüttetes Amerika zu befrieden. Oder ist das nur Fernsehen?

          Das Hemd nicht in die Hose zu stecken, war einmal ein Provokation. Damals, als Jungs die Scheitel besonders gerade über den Kopf gekämmt bekamen, oberhalb eines sauber ausrasierten Nackens, da gehörte das Hemd nämlich in die Hose, als Ausdruck geordneter Verhältnisse. Inzwischen darf das Hemd hängen, wo es will, und auch der Scheitel ist so oft abgeschafft und wieder ins Haar gezogen worden, dass man in seinen Verlauf gar nichts mehr hineinlesen kann. Höchstens, dass da jemand zu früh oder zu spät für eine Mode ist, oder mittendrin, oder komplett draußen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das Hemd aber nur vorn in die Hose zu stecken, so dass es links und rechts davon heraushängt, nennt man seit neuestem „french tuck“. Vielleicht heißt dieser Stil sogar schon länger so, und vermutlich trägt man Hemden auch nicht nur in Frankreich auf diese spezielle Weise, aber erst die amerikanische Reality-Show „Queer Eye“ hat den Ausdruck vergangenes Jahr populär gemacht. So dass man, wenn man heute nach „Queer Eye“ im Netz sucht, schnell auf „french tuck“ stößt – und sofort auf „Queer Eye“, wenn man umgekehrt „french tuck“ eingibt.

          Selbstermächtigung mit Schminke

          In der Styling-Show, deren neueste Staffel seit zehn Tagen auf Netflix läuft, geht es jedoch nur vordergründig darum, wie einem wo die Hemden heraushängen. Es geht auch nur vordergründig um Mode, Essen, Design und Körperpflege oder darum, dass fünf homosexuelle Männer, die allesamt blendend aussehen, anderen Menschen dabei helfen, das auch zu versuchen: Denn „Queer Eye“ ist eine Selbstermächtigungsshow für eine zerrüttete Nation. Der Versuch einer Schlichtung, Pädagogik mit Lipgloss und Avocadosandwiches.

          Stilbildend: Der „french tuck“ in „Queer Eye“.

          Es gibt kaum ein anderes Format – jedenfalls keines, in dem es auch um Schminke und Shopping geht –, das so engagiert versuchen würde, jene Gräben zu überbrücken, die durch die Vereinigten Staaten von Trump verlaufen. „Queer Eye“ schafft es, diese Konflikte zu befrieden: zwischen einem weißen Polizisten und einem schwarzen Mann. Zwischen einem gläubigen Homosexuellen und seiner konservativen Gemeinde. Zwischen oben und unten. Zwischen Norden und Süden. Zwischen Stadt und Land. Auch wenn der Frieden dann nur für die Dauer einer Folge hält. Auch wenn das nur Fernsehen ist, Reality-TV noch dazu.

          Aber man darf nicht vergessen, dass Amerika momentan von einem Präsidenten regiert wird, der selbst mit einer Reality-TV-Show berühmt geworden ist: „The Apprentice“. Eine Show, in der Donald Trump den Chef spielte und regelmäßig Leute feuerte. Und die er offenbar selbst für den Maßstab seiner eigenen Wirklichkeit hält.

          Haare schneiden, Freunde werden

          „Queer Eye“ aber setzt darauf, reale Verhältnisse am inszenierten Beispiel ändern zu können. Fünf schwule Männer brechen in ihrem riesigen Geländewagen in die amerikanische Gegenwart auf: In den ersten zwei Staffeln liegt ihr Hauptquartier in Atlanta, in der dritten ist es jetzt Kansas City in Missouri. Das eine ist die schwarze Hauptstadt der Südstaaten, das andere so etwas wie die mittlerste Mitte des mittleren Amerikas. Die fünf – Tan ist für Mode zuständig, Jonathan für Haare, Antoni für die Küche, Bobby fürs Wohnen, Karamo für die Lebenseinstellung – fahren los, um ihren Kandidaten dabei zu helfen, ihr Äußeres, ihr Zuhause, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Sie treffen auf einen einsamen Lastwagenfahrer, eine überforderte Mutter, einen sechsfachen Vater, einen weißen Polizisten, einen abgebrochenen Studenten, einen transsexuellen Mann. Sie schneiden ihnen die Haare. Sie kochen mit ihnen. Sie renovieren ihnen die vier Wände. Sie sprechen von Selbstrespekt und Verantwortung. Und sie zeigen ihnen, wie man das Hemd vorn hinter den Gürtel steckt und links und rechts davon heraushängen lässt.

          Weitere Themen

          Aus Atlantis

          Goldschmiedin Susa Beck : Aus Atlantis

          Wellen, Wogen, Wasserwelten: Der Münchner Goldschmiedin Susa Beck gelingt es, mit ihrem außergewöhnlichen Schmuck auf phantastische Art und Weise das Meer einzufangen.

          Topmeldungen

          Anschläge in Sri Lanka : Massenmord an Ostersonntag

          Die Anschläge von Sri Lanka fügen sich ein in das Bild einer neuen terroristischen Internationale, die ihre Taten „ankündigt“. Das müssen die Sicherheitsbehörden ernst nehmen, um der schieren Mordlust zu begegnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.