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Jenseits von „Lovemobil“ : Versagt die Dokumentation vor der Prostitution?

  • -Aktualisiert am

Sexarbeiterinnen in Michael Glawoggers Film „Whore’s Glory“ Bild: Lotus Film

Wie lässt sich Prostitution wahrhaftig erzählen? Mehrere Dokumentarfilme der letzten Jahre zeigen, wie schwierig es ist, dem Thema gerecht zu werden.

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          Lady Tara sieht ihre Sache pragmatisch: „Für Unglück oder Glück einer Hure ist nicht gleich der Staat verantwortlich. Viele Frauen sind in ihrer Ehe unglücklich, deswegen wird die Ehe auch nicht abgeschafft.“ Der Satz fällt in dem Dokumentarfilm „Five Sex Rooms und eine Küche“ von Eva C. Heldmann, herausgekommen im Jahr 2007. Ein Bordell im Hessischen wird da gezeigt, vier Frauen, fünf Zimmer und eben die Küche. In der Küche sitzen die Frauen, nehmen Anrufe entgegen, ziehen sich um, bevor sie mit einem Kunden in ein Zimmer gehen. In dieser Küche hat Eva C. Heldmann vor allem gedreht, übrigens mit einem Kameramann, Rainer Komers.

          „Five Sex Rooms und eine Küche“ (zu finden auf den Streamingportalen Sooner und Realeyz) könnte man sich ansehen, wenn man sich für eine Debatte interessiert, die seit einigen Wochen rund um einen anderen Dokumentarfilm zum Thema Prostitution läuft: „Lovemobil“ von Elke Lehrenkrauss, eine Produktion des NDR, ausgezeichnet unter anderem mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis 2020. Inzwischen wurde dieser Preis zurückgegeben. Denn Lehrenkrauss wollte zwar die Realität von Prostituierten zeigen, die in Wohnwägen im niedersächsischen Gifhorn vor allem Kundschaft aus den nahen VW-Werken bedienen. Sie fand aber keine Protagonistinnen. Frauen, die sie bei ihrer Recherche kennenlernte, wollten sich vor der Kamera nicht zeigen. Also nahm sie andere, mit denen sie nachzustellen versuchte, was sie davor in Erfahrung gebracht hatte.

          Die Debatte über dieses Vorgehen und über den Umgang der NDR-Redaktion mit dem Film ist so komplex, wie es die Vielfalt der dokumentarischen Strategien ist. Auch, weil Prostitution ein Thema ist, bei dem diese Strategien häufig auf spezifische Weise herausgefordert werden. Man kann „Lovemobil“ nun eingehend auf einzelne Szenen, seine Dramaturgie, seine Ästhetik und seinen Wirklichkeitsgehalt hin überprüfen, wie es auch in dieser Zeitung schon geschehen ist. Oder man kann den Blick weiten und weitere Filme aus der jüngeren Zeit zu Rate ziehen, die sich anders oder auch vergleichbar mit Prostitution beschäftigen. Es sind gar nicht so wenige. Das Thema ist attraktiv, denn es betrifft einen Bereich, in dem sich vieles im Verborgenen abspielt. Und es geht um Sex.

          Selbstbestimmte Protagonistinnen

          „Vielleicht sind wir abartig, weil wir Spaß an Sex haben“, sagt Lady Tara an einer Stelle. In dem Etablissement, in dem sie mit ihren Kolleginnen arbeitet, gibt es Sex in fast allen Spielarten. „Faustfick? Kein Problem.“ Nadelungen, Windelhose, Schwanz abbinden – schon beim Vorgespräch am Telefon wird klar benannt, was später Sache sein wird. „Five Sex Rooms und eine Küche“ beruht offenkundig auf einem Pakt, den die Filmemacherin mit den Frauen geschlossen hat. Sie bekommt weitgehenden Zutritt zu dem Backstage-Bereich des Bordells, unausgesprochen bleibt, unter welchen Bedingungen sich Lady Tara auf den Film eingelassen hat. Vielleicht ging es ihr, wie wohl auch der Filmemacherin, um eine Entmythologisierung des Geschäfts: Prostitution findet häufig unter Druck oder sogar unter dem Einfluss von Gewalt statt. Es gibt aber auch Frauen, die das Gewerbe selbstbestimmt ausüben, die in den Pausen „Bild der Wissenschaft“ lesen und die damit eine Rolle in der Gesellschaft übernehmen, die sie für relevant halten: „Jeder Mensch ist schmerzgeil.“

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