https://www.faz.net/-gqz-9vwok

MDR-Jahresauftakt : Nicht einfach Ossis gegen Wessis

  • -Aktualisiert am

Der MDR will sich 2021 vor allem darauf konzentrieren, für ein stärkeres Miteinander in der Gesellschaft zu sorgen. Hierfür hält er beim Jahresauftakt einige Leitgedanken für die künftige Berichterstattung fest. Bild: Jens Gyarmaty

Beim Jahresauftakt des MDR legen die Verantwortlichen den Leitgedanken für 2021 fest. Unter dem Slogan „Miteinander leben“ soll die Meinungsvielfalt gepflegt werden.

          3 Min.

          Wenn in jüngster Zeit Medienpolitiker und Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufeinandertreffen, geht es meist um Geld, um den Rundfunkbeitrag von 2021 an und sorgenvolles Klagen der Anstalten, sparen zu müssen. Als sich am Montagabend beim Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig Programmmacher, Medienleute, die Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie weitere Politiker und Vertreter von Rundfunkgremien aus den drei Vertragsländern des MDR trafen, war es anders.

          Es wurde vor allem über den Auftrag geredet, darüber, welche Verantwortung der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die Gesellschaft hat und wie er sie wahrnehmen soll. In ihrer Eröffnungsrede machte die Intendantin Karola Wille klar, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nur dann Akzeptanz finde, wenn er sich mehr als bisher der Frage stelle, welchen Beitrag er für das Gemeinwesen leisten und wie er sich dafür reformieren muss. Auf diese Fragen muss er Antworten geben.

          Das Angebot des MDR steht für 2021 unter dem publizistischen Leitgedanken „Miteinander leben“. Die Antwort auf den „kommunikativen Klimawandel, der maßgeblich zum Auseinanderdriften beiträgt“, so Karola Wille, „ist zugleich Aufforderung: Miteinander leben – statt nebeneinanderher oder gar gegeneinander. Es ist und bleibt unsere Aufgabe, den Zusammenhalt und das Miteinander in unserer pluralistischen Gesellschaft sowie eine Kultur des Verstehens zu befördern.“

          Widersprüche offenlegen, differenzierter berichten

          Die MDR-Chefin legt die Messlatte für ihr Programm hoch, indem sie grundsätzlich fragt: „Wie kann diese fragmentierte Öffentlichkeit zusammengeführt werden? Wie kann der zivilisierte Streit, der den demokratischen Diskurs in den Mittelpunkt stellt, gefördert werden? Wie überwinden wir die Tendenz, dass die Empörung der einen Seite über die Empörung der anderen Seite zum kommunikativen Normalfall wird?“

          Für die MDR-Intendantin liegen die Antworten vor allem in einer stärkeren „Abbildung der vielfältiger gewordenen Gesellschaft“, in der Wiedergabe zuverlässiger Informationen und pluralistischer Meinungen, von unterschiedlichen Erfahrungen, Verhaltensmustern und Werthaltungen. Es soll weniger zugespitzt, aber Widersprüche sollen offengelegt werden. Dafür strebe man auch eine andere Beziehung zum Publikum an, „noch mehr Nähe, mehr Abgleichen mit direkten Erfahrungen der Menschen in Mitteldeutschland, noch mehr Zuhören und mehr Dialog fördern.“

          Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der sich in seiner Rede mit den Rissen und Gräben in unserer Gesellschaft auseinandersetzte, griff die Forderung, dass die Medien das Miteinander der Gesellschaft fördern müssten, auf: „Identitäten“, so der CDU-Politiker, „können sich durch Zuschreibungen von außen verfestigen oder überhaupt erst entstehen. Auch durch Zuschreibung der Medien. Manchmal denke ich, ob der ‚typische Ostdeutsche‘ teilweise ein solches Medienprodukt sein könnte.“ Schäuble appellierte deshalb an den MDR, der eine „Stimme des Ostens“ sein wolle, der Gefahr entgegenzuwirken, Vielfalt und Dissonanzen auszublenden, Stereotype zu verfestigen und eine Ostidentität zu vertiefen. Denn wer pauschal über den Osten spreche, treffe damit zugleich eine Aussage über den Westen. Je dunkler das eine Deutschland beschrieben werde, desto heller strahle das andere. Zudem erschwere das sensible Verhältnis zwischen dem einen und dem anderen, da differenziert zu berichten, wo es besonders wichtig ist, erinnerte Schäuble an die Vorfälle in Chemnitz im August 2018.

          Ganz zum Schluss wurde doch über Geld geredet. Reiner Haseloff, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident, betonte, dass es sich lohne, für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu kämpfen. Zugleich forderte er vom MDR, die Empfehlungen der Finanzkommission Kef zur Kosteneinsparung auch umzusetzen. Auf Nachfrage dieser Zeitung sagte er: „Es gibt für den MDR einen klaren Auftrag, die demokratische Grundordnung zu stützen und weiterzuentwickeln. Deshalb müssen in der sich verändernden Medienwelt Wege gefunden werden, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch gegenüber anderen Angeboten durchsetzen und die Menschen erreichen kann. Dafür muss er ausreichend reformfähig sein und konsequenter als bisher unterscheiden, was er mit den Beitragsgeldern leisten muss und was der Markt abdecken kann.“

          Hierbei komme es „eher auf die Qualität als auf die Quantität an. Das spielt natürlich auch bei den kommenden Meinungsbildungsprozessen in den Parlamenten zum neuen Rundfunkbeitrag ab 2021 eine wichtige Rolle.“ Die Kef werde „in ihrem neuen Bericht klare Signale für den Umgang mit den Beitragsgeldern geben, und die müssen von den Anstalten beachtet werden“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.