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Franzosen für Trump : Das Magazin „Valeurs Actuelles“ macht Furore

Yves de Kerdrel, der Herausgeber der „Valeurs Actuelles“ Bild: AFP

In Amerika funktioniert so einiges, in Frankreich allerdings auch. Die rechte Zeitschrift „Valeurs Actuelles“ bietet eine Plattform für Trump – aber ihre Wertschätzung für ihn ist brandneu.

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          Völlig unbemerkt blieb der Scoop nicht. Im vergangenen Februar veröffentlichte „Valeurs Actuelles“ ein Exklusivinterview mit Donald Trump. Auf sechs Seiten äußerte sich der Kandidat über die Welt und über Frankreich, das nicht mehr Frankreich sei, und die Attentate in Paris, bei denen er sich gewehrt hätte: „Ich wäre vielleicht tot. Aber ich hätte geschossen.“ Eine Feuerwaffe habe er stets dabei. Trump schwadronierte über die „No-Go-Zonen“ in den gesetzlosen Vorstädten. Allen Lesern war klar: Trump gab wieder, was er auf Fox News gesehen und gehört hatte. Für ein außergewöhnliches Gesellenstück hielt das keiner.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Auch die Empörung hielt sich in Grenzen. In einem Video, in dem er die Umstände des Gesprächs im Trump Tower in New York schildert, äußert sich André Bercoff, der das Interview machte, ziemlich herablassend über den Polit-Clown, der ihn mit seiner„karottenfarbenen Mähne“ an einen „Transvestiten“ erinnert habe: „In Amerika funktioniert das halt.“

          Der Wolkenkratzerhirte

          Bercoff ist noch ein paar Jahre älter als Trump und hat eine wechselhafte Karriere hinter sich. Sie führte vom antikolonialistischen Magazin „Jeune Afrique“ über die legendäre Zeitschrift „Actuel“, die Journalismus neu definieren wollte, bis zu rechtskonservativen Zeitungen. Bercoff schrieb unter Pseudonymen – „Caton“, „Catherine Médicis“ – zahlreiche Bücher, verfasste Pamphlete gegen oder für etwas – manchmal zum selben Gegenstand. Er ist immer für einen publizistischen Gag gut.

          Der alte Routinier erinnerte sich, dass er Trump schon einmal interviewt hatte: „1988 oder 1989, im Hotel Plaza in New York. Trump brüstete sich damals, dass er die Wolkenkratzer der Stadt so gut kenne wie ein Hirte seine Schafe. Mit der Komplizenschaft eines Immobilienmaklers testete ich seine Kenntnisse der Verkaufspreise, und ich war wirklich verblüfft.“ Zum Interview während des Wahlkampfs verhalf ihm ein französischer Unternehmer, der mit Trump befreundet ist und seinen Namen „aus beruflichen Gründen“ verschweige. Für die Ausgabe mit dem Cover „Trump dit tout“ erhöhte „Valeurs Actuelles“ die Druckauflage um 30.000 auf 200.000 Exemplare. Sie blieben an den Kiosken liegen.

          Keine Berührungsängste

          Die rechtsextreme Zeitschrift war vor einem halben Jahrhundert in der Ära der linken Hegemonie gegründet worden. 2012 wurde sie von neuen Besitzern um den jetzigen Herausgeber Yves de Kerdrel übernommen, der früher bei der Wirtschaftszeitung „Les Echos“ und beim „Figaro“ arbeitete. Die Auflage war auf 5.000 Exemplare gesunken. Mit reißerischen Titelgeschichten und Interviews steigerte Kerdrel den Absatz auf inzwischen mehr als 100.000 Stück pro Ausgabe. Seine publizistischen Themen sind jene der politischen Populisten: für Grenzen, gegen Flüchtlinge und die Homo-Ehe, der Islam, das Aussterben der Dörfer. Inzwischen hat die Zeitschrift auch renommierte Mitarbeiter wie den Schriftsteller Denis Tillinac. Sie hebt sich deutlich von plumpen neofaschistischen Blättern wie „Minute“ oder „Rivarol“ ab. Doch zu Marine Le Pen gibt es keine Berührungsängste. Nicolas Sarkozy nutzte wegen der Nähe zum Front National „Valeurs Actuelles“ als Plattform für seine Rückkehr in die Politik und gewährte dem Magazin programmatische Interviews.

          Das Gespräch mit Donald Trump sei „das einzig in Frankreich und, Irrtum vorbehalten, in ganz Europa“ geblieben, freut sich Yves de Kerdrel. In China, Japan und Südkorea sei es zitiert worden. Im Taumel des Triumphs wird es skrupellos ausgeschlachtet: Uns, das Anti-Establishment-Magazin, die Stimme des französischen Volkes, habe Trump für sein Interview ausgewählt. Gegen André Bercoff, der nicht an Trumps Wahlsieg glaubte, will Yves de Kerdrel eine Wette gewonnen haben. In einem Leitartikel allerdings hatte er den neuen amerikanischen Präsidenten noch als „korrupten, fremdenfeindlichen und sexistischen Geschäftsmann“ bezeichnet.

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