https://www.faz.net/-gqz-9laac

Freies Logis in Peking : Wie Chinas Staatsmedien in die Welt ausgreifen

Selbstverständlich gibt es das Internet in China. Die Frage ist nur, wie es aussieht und was chinesische Nutzer nicht zu sehen bekommen. Bild: Reuters

China greift auch medial in die Welt aus. Die Staatsmedien investieren, ausländische Verlage werden aufgekauft. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ warnt.

          China macht keinen Hehl daraus, dass es Einfluss auf die öffentliche Meinung im Ausland nehmen will und bereit ist, dafür viel Geld in die Hand zu nehmen. Der frühere Chef der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, Li Congjun, propagierte schon 2013 eine „neue Weltmedienordnung“. Er beklagte die Dominanz westlicher Medien und die mangelnde Fähigkeit Chinas, seine Sicht in der Welt zu verbreiten. Seither hat Peking einiges unternommen, um das zu ändern. Es hat Anteile an ausländischen Medien gekauft, ausländische Journalisten „ausgebildet“ und seine Auslandssender massiv verstärkt.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Ein Bericht von Reporter ohne Grenzen warnt nun, dass diese Expansion „eine Bedrohung für Demokratien“ darstelle und dass „Propaganda chinesischer Machart zunehmend mit Journalismus in Wettbewerb treten“ werde. Der Bericht gesteht aber zu, dass „das Ausmaß der Expansion noch schwer abzuschätzen ist“. Er trägt Mosaiksteine zusammen, die ein Schlaglicht auf Pekings globale Ambitionen werfen: Zum Beispiel hat der staatliche Auslandssender CGTN vor vier Monaten ein Büro in London eröffnet und neunzig Mitarbeiter eingestellt. Angesichts der Tatsache, dass die Deutsche Welle und die BBC in China nicht senden dürfen, wirft das Fragen von Reziprozität auf. Büros ähnlicher Größe betreibt CGTN in Washington und Nairobi. Im Vergleich zu den englischsprachigen Parteizeitungen kommt die Propaganda bei CGTN eleganter daher. Regelmäßig kommen ausländische Kommentatoren zu Wort. Ob Peking so ein europäisches Publikum beeindrucken kann, bleibt abzuwarten.

          Viele Afrikaner misstrauten von China verbreiteten Nachrichtenprogrammen, zitiert der Bericht die Einschätzung des Arte-Journalisten Sébastien Le Belzic. Chinas Softpower in Afrika werde eher über Unterhaltungsprogramme transportiert. Als Beispiel nennt Belzic ausgerechnet die Ausstrahlung der Fußball-Bundesliga durch den chinesischen Kabelkanal Star Times, was wohl eher für deutsche Softpower spricht.

          Ein vorbildliches Transparenzgesetz

          Afrikaner sind auch eine wichtige Zielgruppe für ein üppig ausgestattetes Journalistenprogramm, bei dem die Teilnehmer umgerechnet 650 Euro im Monat und freie Unterkunft in Peking erhalten. Zehn Monate lang werden sie im Land herumgeführt, freie Recherchezeit ist nicht vorgesehen. Das heißt freilich nicht, dass die Teilnehmer automatisch zu glühenden Anhängern des chinesischen Modells werden, wenngleich der Bericht Blogtexte von Journalisten zitiert, die eben das nahelegen.

          Unbestritten ist Pekings Einfluss in der chinesischen Diaspora. Laut dem Bericht von Reporter ohne Grenzen hat ein Unternehmen mit Verbindungen nach Peking gerade den mexikanischen Radiosender XEWW 690 in Tijuana gekauft. Er versorge nun Südkalifornien mit chinesischsprachigen Programmen. Über das soziale Netzwerk Wechat würden zudem gezielt Fake News unter Auslandschinesen verbreitet. Als Gegenmittel empfiehlt der Bericht die Förderung chinesischsprachiger Programme in westlichen Sendern.

          Besorgniserregend aus europäischer Sicht sind chinesische Investitionen in europäische Medien. Die Nachrichtenwebsite Bloomberg beziffert sie auf bisher drei Milliarden Euro. So kaufte der chinesische Konzern CEFC Anteile an zwei tschechischen Medienkonzernen. Nach Angaben des tschechischen Forschungsprojekts „Chinfluence“ wirkt sich das auf deren Berichterstattung über China deutlich aus. Als vorbildlich beschreibt Reporter ohne Grenzen das australische Transparenzgesetz, das Medien im Land verpflichtet, Inhalte ausländischer Staatsmedien auszuweisen.

          Oft stellt sich China selbst ein Bein

          Kritisch äußern sich die Autoren über die von Parteimedien produzierte Werbebeilage „China Watch“, die in zahlreichen westlichen Zeitungen, auch in Deutschland, erschienen ist. Sie gebe Peking „bedeutendes finanzielles Einflusspotential“. Eine solche Anzeige erziele in den Vereinigten Staaten Einnahmen von umgerechnet 220.000 Euro, heißt es in dem Bericht. Bei regelmäßiger Schaltung entstehe finanzielle Abhängigkeit.

          „Chinas Investitionskapazitäten kombiniert mit seinem Autoritarismus erlaubt es ihm, eine langfristige Strategie zu verfolgen, während Demokratien sich auf kurzfristige Maßnahmen beschränken“, warnen die Autoren. Allerdings gibt es etwas, das China sich mit seinem Geld nicht kaufen kann: Glaubwürdigkeit. Mehrere Beispiele in dem Bericht belegen, dass Medienkonsumenten weltweit wenig Neigung zeigen, sich Pekings autoritären Vorstellungen zu unterwerfen. So floppte die zensierte Internetsuchmaschine Baidu in Ländern wie Brasilien, Indonesien und Ägypten.

          Zudem stellt sich China oft selbst ein Bein: So wie der chinesische Diplomat, der Anfang März versuchte, die „Nesawissimaja Gaseta“ zu zwingen, einen Text über Chinas schwächelnde Wirtschaft von der Internetseite zu nehmen. Die Zeitung veröffentlichte stattdessen seine Droh-E-Mail, in der er höhnte, die russische Wirtschaft sei kleiner als die der Provinz Guangdong. Softpower geht anders.

          Topmeldungen

          Formel-1-Legende : Niki Lauda ist tot

          Niki Lauda ist gestorben: Der Österreicher wurde 70 Jahre alt. Nicht nur als Rennfahrer in der Formel 1 feierte er Erfolge.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.