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„Die Moldau“ auf Arte : Wo Ziesel wetzen und Vögel fischen

  • -Aktualisiert am

Die Nase isst mit: Ziesel beim Imbiss Bild: Arte/Jens Klingebiel

Bei Naturreportagen verläuft die Grenze zwischen Manipulation und Dokumentation oft fließend. Im Fall des Arte-Films „Die Moldau“ ist jedoch klar zu erkennen, wo getrickst wurde.

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          Je niedlicher das Tier, desto aufdringlicher die Musik. Diesmal signalisiert ein lustiges Dur-Geplätscher, dass gerade nichts zu befürchten ist. Wir können entspannt dabei zuschauen, wie einige Ziesel über staubiges Gelände wetzen, sich raufen oder Männchen machen. Die Nager aus der Familie der Hörnchen sind so reizend, dass der Anthropomorphismus automatisch zuschlägt. So lässt uns Sprecher Dietmar Wunder wissen: „Süße Blüten, saures Gras und ab und zu ein Eiweißsnack, da setzt der glückliche Ziesel Speck an.“ Der Lebensraum macht das Idyll perfekt – die Ziesel tummeln sich auf trockenen Wiesen am Rande der Moldau.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Angelika Sigl ist dem Lauf des mehr als vierhundert Kilometer langen Stroms gefolgt, um seine Tierwelt zu erkunden. Er entspringt in zwei Quellflüssen – der Kalten Moldau im Bayerischen Wald und der Warmen Moldau in Tschechien –, die sich kurz hinter Wallern vereinigen. An manchen Stellen erinnert er an ein Bächlein, dann wieder erscheint er ungebändigt und wild. Die kulturellen Zeugnisse am Ufer nehmen wir genauso en passant mit wie die eingespielten Fetzen aus Smetanas „Vltava“. Über die Frauenburg erfahren wir etwa, dass sie frühgotisch ist und mehrmals umgebaut wurde. Ihre wechselvolle Geschichte wird nur angedeutet.

          Ergebnis geduldiger Beobachtung?

          Diese Eile kennzeichnet den ganzen Film. Sigl präsentiert hübsche Bilder von Schellente und Wiedehopf, Eisvogel und Biber, Rohrweihe und Dachs. Leider fehlt die nötige Sorgfalt beim Umgang mit dem Material. Über die Beutelmeise heißt es, sie sei die kleinste Meise Europas. Genau genommen, stimmt das nicht, denn sie wird unter anderem aufgrund ihrer abweichenden Brutbiologie in eine eigene Familie gestellt. Mit der Kohl- oder Blaumeise hat sie weniger gemein, als ihr Name, den wir immerhin erfahren, vermuten lässt. Ein Rotmilan wird dagegen recht lieblos als „Raubvogel“ abgetan, ein Fischotter als „Otter“ vorgestellt, obwohl es sich hierbei um die Unterfamilie handelt, zu der er gehört.

          Der Rotmilan im Film dürfte echt sein. Aber die Seeadler?

          „Die Moldau“ ist ein Film, der uns, frei von jeder Exotik, die vertraute Fauna Europas ins Wohnzimmer holt. Im Gegensatz zu bombastischen Hightech-Produktionen, in denen es zuerst um die ästhetische Darbietung von Zivilisationsferne geht, wirkt Sigls Dokumentation geradezu bodenständig – nicht zuletzt, weil sie zunächst den Eindruck erweckt, das Ergebnis geduldiger Beobachtung zu sein. Dagegen ist etwa die elfteilige BBC-Reihe „Planet Erde“ ein überwältigendes Bildbearbeitungsspektakel. Wer unberührte Natur mit technischem Gerät einfängt und, paradox gesprochen, Authentizität inszeniert, macht sich verdächtig.

          Das gilt erst recht, wenn sich die Inszenierung der beliebten Geschichten vom Fressen und Gefressenwerden als offensichtliche Schummelei herausstellt: Sigl zeigt uns einen Hecht und kurz darauf einen jungen Seeadler, der sich vom Ansitz erhebt. Der Sprecher sagt: „Hell zeichnet sich die Kontur des Hechts unter der Wasseroberfläche ab, der Adler fliegt von hinten an.“ Platsch. Eins zu null für den Greifvogel, der sich allerdings plötzlich, das Gefieder verrät es, in ein adultes Exemplar verwandelt hat. Egal, weiter im Text: „Doch der junge Vogel hat keine Jagdroutine und verliert den Fisch.“ Nun fällt der Hecht in Zeitlupe zu Boden, wo ein tatsächlich junger Seeadler kurz landet, um sich sofort wieder zu entfernen. Nach dem Schnitt fängt die Kamera ein abermals erwachsenes Tier ein, das sich langsam davonmacht.

          Da fragt sich: Hat wirklich ein Adler den Fisch fallen gelassen oder ein Mitglied des Filmteams? Wie viel Zeit verging zwischen den einzelnen Teilen der Sequenz? Ist sie überhaupt an der Moldau gedreht worden? Gerade mal die Hälfte der Dokumentation haben wir zu diesem Zeitpunkt geschafft, ihre Glaubwürdigkeit ist jedoch schon verloren.

          Die Moldau – Der goldene Fluss, an diesem Donnerstag um 20.15 Uhr bei Arte.

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