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Attentat in San Bernadino : Die Reporter am Wühltisch greifen, was sie kriegen können

  • -Aktualisiert am

Es kann nicht nah genug sein: Journalisten im Haus der Attentäter Bild: AFP

Das amerikanische Fernsehen erlebt in San Bernadino seinen Tiefpunkt. Vor laufenden Kameras durchwühlen dutzende Reporter die Wohnung der Täter. Es geht nur noch um Tempo und Sensationen - 24 Stunden am Tag.

          Verwunderung und Befremden prägen die Reaktionen auf den „skurrilsten Tag der Kabelnachrichten“ („Vanity Fair“), als nach dem Attentat von San Bernardino Dutzende Reporter vor live geschalteten Fernsehkameras die Wohnung der Täter durchwühlten. „Verstörend“, schreibt das Magazin „The Atlantic“, die „Washington Post“ spricht von einem „schmuddeligen Gefühl“. Die vollständige Aufgabe jedweder Zurückhaltung bei diesem Gedränge, das Szenen bei einem Schlussverkauf glich, ist ein neuer Tiefpunkt des amerikanischen Nachrichtenfernsehens. Angetrieben von den Leuten von Fox News, die der politischen Correctness den Krieg erklärt und kurzerhand alle Verhaltensregeln suspendiert haben, sind auch die Sender CNN und MSNBC in die Arena durchlauferhitzter Nachrichtenmacher hinabgestiegen. Da geht es nur noch um Tempo und Sensationen – vierundzwanzig Stunden am Tag „Action-News“.

          Bei dem chaotischen Durchwühlen der Privatsachen der Attentäter von San Bernardino tat sich insbesondere der Kanal MSNBC hervor. Ungeniert hielt der Reporter Kerry Sanders Fotografien von Unbekannten sowie einen Führerschein und andere Ausweispapiere direkt in die Kamera, offenbar in der frenetischen Hoffnung, ein erstes Bild der Attentäterin Tashfeen Malik präsentieren zu können. Die Moderatorin im Studio, Andrea Mitchell, fand das erst problematisch, als Bilder von Kindern auftauchten, und drehte den Live-Mitschnitt schließlich ab. Das hatte die Anmutung einer Satire, der Erkenntnisgewinn lag bei - null.

          CNN-Reporterin Stephanie Elam berichtet aus dem Apartment der Attentäter.

          Dass Reporter am Schauplatz dramatischer Geschichten unter dem Druck der Konkurrenz jedwede Umsicht vermissen lassen, ist bis zu einem gewissen Maß verständlich, in den amerikanischen Nachrichtensendern aber unglücklicherweise zum Standard geworden. Dass man allerdings auch in den Redaktionen den Dingen ihren Lauf lässt und nicht mehr ordnend eingreift, um ja nicht irgendwelche exklusiven Aufreger zu verpassen, zeigt, an welchem Punkt die Sender angelangt sind. In San Bernardino ging es um blanken Voyeurismus, mit einer auch nur ansatzweise erhellenden Berichterstattung hatte das nichts mehr zu tun: Journalismus als Rummelplatz-Vergnügen.

          Und die Reaktion? Zwar stellt sich eine gewisse Beklemmung angesichts der Reportermeute ein, eine Debatte über verantwortungsvollem Journalismus aber findet nur am Rande statt. CNN bietet lieber Kriminalexperten auf, die sich darüber echauffieren, dass die Behörden einen Verbrechens-Schauplatz so schnell freigegeben haben. Die meisten Medien widmen sich allein der Frage, ob der Wohnungseigentümer für tausend Dollar Honorar den Reportern kompletten Zugang zu der Wohnung gewährt habe oder überrannt worden sei.

          Das Kinderzimmer wird nicht verschont

          Erik Wemple von der „Washington Post“ immerhin nimmt sich diesen „erbärmlichen Moment des Journalismus“ vor. Selbstverständlich sei der Zugang zu der Wohnung der Attentäter ein Nachrichten-Ereignis, doch sie die Situation für eine Live-Berichterstattung denkbar ungeeignet gewesen. Das Zeigen der Personal-Dokumente sei ein „enormer Regelbruch – das darf man einfach nicht“. Personen auf diese Weise kenntlich zu machen, könne unvorhersehbare Folgen haben.

          Die Reaktion von CNN, dessen Reporter auch am Wühltisch waren, auf die Kritik besteht in einem Seitenhieb auf die noch hemmungslosere Konkurrenz: Man habe eine „bewusste redaktionelle Entscheidung getroffen, keine Nahaufnahmen von sensiblen oder identifizierenden Materialien wie Fotografien oder Ausweisen“ zu zeigen. Der MSNBC-Moderator Chris Hayes erklärt zunächst, man vergesse in solchen Situationen schon mal, dass es sich bei den Subjekten der Berichterstattung um Menschen handele. Mehr als ein Schulterzucken ist die Sache dem Sender als nicht wert, in dessen Programm Fotos und Dokumente von Personen, die mit den Anschlägen nichts zu tun haben mögen, live und groß im Bild erschienen. Inzwischen hat sich der Sender dann doch entschuldigt. Dabei wäre es höchste Zeit, dass die Nachrichtenmacher endlich einmal Folgenabschätzung in eigener Sache betreiben, bevor sie der nächsten vermeintlichen News hinterherjagen. Dass die Sender vorschnell unbestätigte Informationen verbreiten, ist zur Routine geworden. Deren Gefahren machen sich die Beteiligten immer noch nicht bewusst.

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