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Whatsapp in Indien : Nach den Lynchmorden

Ein Demonstrant im indischen Guwahati erinnert an zwei Männer, die aufgrund von „Fake News“ von Lynchmobs umgebracht wurden. Bild: dpa

Der Messenger-Dienst Whatsapp hat sich in Indien als Quelle gefährlicher Falschnachrichten erwiesen. Diese führten zu einer Reihe von Verbrechen. Nun reagiert der Konzern. Nutzer können sich beschweren – in Amerika.

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          Nach erheblichem Druck durch die indische Regierung und Gerichtsbarkeit hat der Kurznachrichtendienst Whatsapp zum ersten Mal eine Person benannt, die sich um Beschwerden aus dem südasiatischen Subkontinent kümmern soll. Die zuständige Mitarbeiterin mit dem Namen Komal Lahiri wird laut „Times of India“ allerdings in den Vereinigten Staaten ansässig sein. Mit ihrer Ernennung hat das zum Facebook-Konzern gehörende Unternehmen auf eine Aufforderung des Höchsten Gerichts in Delhi reagiert. Es hatte Ende August darauf hingewiesen, dass Facebook und andere Unternehmen wie Google schon eine solche Möglichkeit für Beschwerden eingerichtet hätten. Dies sei eine Pflicht unter indischem Recht.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Indien ist für Whatsapp mit mehr als zweihundert Millionen Nutzern der größte Markt weltweit. Täglich werden dort rund dreizehn Milliarden Nachrichten verschickt. Das Unternehmen war in den vergangenen Monaten wegen der massenhaften Verbreitung von Falschnachrichten und Gerüchten in die Kritik geraten. Besonders häufig wurden Nachrichten über angebliche marodierende Banden von Kindesentführern geteilt. In einigen besonders schweren Fällen hatten diese Falschmeldungen sogar zu Lynchmorden geführt. Seit April waren mindestens 25 Tote zu beklagen. So hatte in der High-Tech-Metropole Bangalore im Juni eine aufgebrachte Menge einen Bauarbeiter mit Stöcken und Cricket-Schlägern zu Tode geschlagen und durch die Straßen gezogen.

          Die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi hatte das Unternehmen daraufhin aufgefordert, mehr gegen die Verbreitung von Falschnachrichten zu tun. In einem ersten Schritt hatte Whatsapp die Funktionen zur massenhaften Weiterleitung von Nachrichten eingeschränkt. Zudem richtete es eine Obergrenze für die Zahl der Unterhaltungen ein, die jeder Nutzer gleichzeitig führen darf. Darüber hinaus wurde ein Knopf zur schnellen Weiterleitung von Medieninhalten entfernt. Weitergeleitete Botschaften werden nun als solche gekennzeichnet. Schließlich veröffentlichte Whatsapp Anzeigen mit Tipps zum Erkennen von Falschnachrichten.

          Da im kommenden Jahr in Indien Wahlen anstehen, wird mit einem erhöhten Aufkommen von Desinformation im Internet gerechnet. Inwiefern nun der Einsatz einer einzelnen Mitarbeiterin in Kalifornien einen Unterschied macht, ist dabei mehr als fraglich. Der Whatsapp-Geschäftsführer Chris Daniels war im August nach Indien gereist, um über die Probleme mit Falschnachrichten zu sprechen. Der Minister für Informationstechnologie, Ravi Shankar Prasad, hatte damals drei Forderungen an das Unternehmen gestellt: die Einführung eines Beschwerdesystems, die lückenlose Befolgung indischer Gesetze und die Gründung einer Tochterfirma in Indien.

          Die indische Regierung und Whatsapp sind sich vor allem uneins darüber, was wichtiger ist – die Privatsphäre der Kunden oder die Bekämpfung von Falschnachrichten. Whatsapp behauptet, es könne spezifische Nachrichten nicht bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen ohne die Privatsphäre der Kunden zu verletzen.

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