https://www.faz.net/-gqz-7xg8e

„Wetten, dass ..?“ : Wie haben wir diese Samstagabende bloß ausgehalten?

  • -Aktualisiert am

Im falschen Film: Ungläubiges Staunen über Crazy Germany bei Tom Hanks (Sendung vom 3.11.2012) Bild: dpa

Nur noch ein Mal „Wetten, dass ..?“: Nach knapp 34 Jahren endet eine Unterhaltungssendung, von der das Schicksal der Nation abzuhängen schien. Was machen wir jetzt?

          5 Min.

          Als Grace Jones zum ersten Mal Zeugin einer „Wetten, dass ..?“-Sendung wurde, konnte sie es nicht glauben. Sie sah, wie zwei Männer mit einem Mistlader einen Knopf an eine Jacke nähten. Sie sah, wie Roger Whittaker im Kunstschnee ein Medley aus Weihnachtsliedern sang. Sie sah, wie Hunderte mit Lederhosen verkleidete Niedersachsen zu Ehren des Stargastes Franz Josef Strauß bayerische Tänze vorführten.

          Grace Jones war froh, dass sie nicht in der Halle des Interconti-Hotels in Hannover auf der Bühne stand, wie es geplant war, sondern die deutsche Fernsehunterhaltung aus der sicheren Entfernung ihres Hotelzimmers verfolgte. Es hatte bei den Proben nämlich einen Eklat gegeben: Die jamaikanische Künstlerin hatte den fehlenden Respekt im Umgang mit ihr und das Bühnenbild beklagt, das mit etlichen „Negerköpfen“ dekoriert war, wie es der „Spiegel“ formulierte. Sie hatte den Umbau der Kulissen gefordert und wollte den größten Teil des Auftritts verhüllt unter einer Kapuze absolvieren. Regisseur Alexander Arnz hatte beschlossen, ganz auf den Auftritt zu verzichten. Da waren, wie der „Spiegel“ in vergnügter Ausführlichkeit berichtete, zuerst die Bühnenarbeiter erleichtert. Und später, angesichts der Show, auch Grace Jones. „Akzentuiert von gutturalen Abscheulauten, stieß sie hervor: ,Oh, das ist entsetzlich, schau dir das an‘“, berichtete das Magazin aus dem Hotelzimmer. „,Und ich sollte bei so was mitmachen. Mamma mia!‘“

          Da zeigte selbst Michelle Hunziker ein Zweitgesicht: Die Gummistiefel-Wette aus dem Jahre 2009 war nichts für schwache Nerven

          Eine bedeutende Show

          Dies geschah 1985, die Sendung war erst in ihrem fünften Jahr und wurde noch von Frank Elstner moderiert. Aber die Szene enthielt schon das ganze Unverständnis, das diese Show mit ihren absonderlichen Gebräuchen bei unvorbereiteten internationalen Gästen bis heute auslöst. Und den wohligen Grusel, mit dem sich die deutsche Fernsehnation solchen Geschichten widmet. Zwischen dem Schock von Grace Jones und den Zeugnissen der Verstörung, die die Schauspieler Tom Hanks oder Will Arnett in jüngerer Zeit nach ihren Auftritten bei „Wetten, dass ..?“ ablegten, liegen fast dreißig Jahre - aber sonst nur Nuancen. Geändert hat sich fast nichts.

          Was hatte er da angerichtet? Thomas Gottschalk trat 1999 gegen strippende Eishockey-Spieler an

          Am wenigsten die Bedeutung, die dem Ganzen beigemessen wird. An „Wetten, dass ..?“ war immer alles wichtig. Über die Spiegelung der internationalen Gäste konnte jede Albernheit die Fallhöhe einer kleinen Staatsaffäre bekommen. Es war gleichzeitig die kribbelnde Fremdscham des einzelnen Zuschauers, der sich besorgt fragte, ob dem Besuch aus dem Ausland hinterher jemand erklärt, was da alles gerade passiert ist. Und die kollektive Sorge der Fernsehgemeinde: „O Gott, was sollen die Leute über uns denken?“ Wenn heute nach der 215. Sendung und fast 34 Jahren „Wetten, dass ..?“ Geschichte sein wird, verschwindet vor allem eines: die Tradition, Fernsehshows als etwas Bedeutsames zu behandeln.

          Über Jahrzehnte waren sie ein Ort, an dem sich die Gesellschaft spielerisch über Ernstes verständigte: über Umgangsformen und Tabus, über das, was wichtig, was akzeptabel und was wünschenswert ist. An Hans-Joachim Kulenkampff und seinen Shows entzündeten sich aufgeregte Diskussionen: schon 1959, als er in einem Quiz von der „DDR“ sprach, die damals noch als „Sowjetische Besatzungszone“ zu bezeichnen war, oder 1971, als er eine Meinungsumfrage, wonach eine große Mehrheit der Deutschen die Ostpolitik der Regierung unterstützte, als „Weihnachtsgeschenk für den Bundeskanzler“ bezeichnete, was Union und konservative Presse als „Stimmungsmache für die SPD“ geißelten. Joachim Fuchsbergers „Auf los geht’s los“ löste in den achtziger Jahren Diskussionen über das Urinieren in Schwimmbecken, die Bezeichnung der Deutschen in Österreich als „Piefkes“ und die Frage aus, wie viel Respekt eine Fünfzehnjährige (Désirée Nosbusch) einem Minister (Franz Josef Strauß) entgegenbringen muss.

          Gottschalk war unberechenbar

          „Wetten, dass ..?“ war das letzte Überbleibsel aus dieser Zeit. Mit Frank Elstner wurden die Themen der Zeit mit exakt dosierter Mischung aus Harmlosigkeit und Ernsthaftigkeit verhandelt. Mit Thomas Gottschalk kam jemand, der ein genaues Gespür für die Bedürfnisse des großen Publikums hatte, aber - teils kalkuliert, teils im Übermut - die Grenzen austestete.

          Das hatte er vorher noch nie getan: Für „Wetten, dass ..?“ trat Michael Jackson erstmals in einer Unterhaltungssendung außerhalb Amerikas auf.

          In der ersten Reihe saßen Intendanten und Programmdirektoren neben örtlichen Honoratioren und Landesfürsten und attestierten dem von Stadt zu Stadt ziehenden Wanderzirkus durch ihre Anwesenheit, dass es sich um amtliche Unterhaltung handelte. Sie wurden irgendwann nicht mehr eigens in der Sendung begrüßt, aber sie waren immer noch da. Bei „Wetten, dass ..?“ fand auch die Auseinandersetzung mit den Veränderungen der Medienwelt statt: Die Ankunft von „Big Brother“ wurde ebenso verhandelt wie die Konkurrenz durch „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“. Es gab Abgrenzungs- und Umarmungsversuche, personifiziert im Umgang Gottschalks mit mehreren damals prominenten jungen Frauen bei etwas, das hinterher als „Luder-Gipfel“ gebrandmarkt wurde.

          „Wetten, dass ..?“ wurde anfangs beachtet, weil dort unerwartete Dinge passierten, über die man am nächsten Tag reden konnte. Es war der selbstverständliche Ort für die Wiedervereinigung von Modern Talking und die große Bühne für die Auftritte von Michael Jackson oder Take That. Menschen von nebenan zeigten, dass sie Dinge können, auf die man selbst nie gekommen wäre. Leute trafen aufeinander, die sonst nie aufeinandergetroffen wären. Und Gottschalk war unberechenbar. Irgendwann war von all dem Besonderen an „Wetten, dass ..?“, nichts mehr übrig, außer der Behandlung der Sendung als etwas Besonderem. Auf allen Kanälen machen Menschen besondere Dinge um die Wette. Musik wird in Stefan Raabs Shows größer und attraktiver inszeniert. „Circus Halligalli“ zeigt ungewöhnliche Situationen und originelle Aktionen mit Prominenten, die bei „Wetten, dass ..?“ nur sinn-, hilf- und nutzlos auf dem Sofa herumsitzen.

          Neue Grenzüberschreitungen

          Die Zuschauerzahlen normalisierten sich auch. Übrig blieben nur die Rituale, etwa die manische Beschäftigung mit der Sendung, früher vielleicht einmal als Programm-Höhepunkt, sehr lange als regelmäßig enttäuschende Pflichtübung, zuletzt als Phantomschmerz. Auch das stirbt: das Genre der „Wetten, dass ..?“-Besprechung. Zuletzt wurde jede Ausgabe rezensiert, jede Geste bewertet, jedes Gespräch protokolliert. Die große Meta-Kommentierung hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten erstaunlich wenig geändert. „Die große Samstagabend-Familienshow ist doch längst gegessen, sagen sie alle, die beim Fernsehen für Unterhaltung zuständig sind“, hieß es in der „Süddeutschen Zeitung“ zur ersten Gottschalk-Ausgabe 1987. Damals schon gab es nicht nur die ausufernde Berichterstattung, sondern auch den Verdruss: „Jetzt können alle, und allen voran Gottschalk, unbehelligt von der stumpfsinnigen Medienfrage: ,Kann er’s‘ (Antwort: natürlich), an die Arbeit gehen“, seufzte der Kritiker erschöpft.

          Wenn mit dem Ende von „Wetten, dass ..?“ nun das Ende des Lagerfeuerfernsehens für die ganze Familie ausgerufen wird, ist das auch ein Echo und eine Wiederholung. „Gottschalk tritt ab von der Bühne der Samstagabendunterhaltung. Das ist schade, weil mit ihm endgültig auch das Familienfernsehen ihr Ende gefunden hat“, schrieb die „Welt“ - im Mai 1992. Und schon zur Premiere 1981 war der Zustand des Fernsehens vermeintlich so mies, dass Frank Elstner zum „Retter der ,deutschen Unterhaltung‘“ ausgerufen wurde.

          Nach Frank Elstner, Thomas Gottschalk und Stefan Raab wird dieser Titel nun Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf zugeschrieben. Wie passend, dass ihre neue Show „Mein bester Feind“ eine Woche vor der Abschiedsvorstellung von „Wetten, dass ..?“ lief und einen guten Eindruck gab, wie zeitgemäße Fernsehunterhaltung im Jahr 2014 aussieht: In einem Parcours ging es darum, einen Oldtimer zu erspielen, Voraussetzung war, sich mindestens eine kleine „Rosine“ tätowieren zu lassen; wer eine größere, peinliche Tätowierung wählte, bekam einen Vorteil. Das ist genau die Art Grenzüberschreitung, die früher tage- und wochenlange Diskussionen, womöglich unter Beteiligung etlicher Hinterbänkler der Politik, ausgelöst hätte. Aber dafür sehen die Sendung einfach nicht genug Menschen, schon gar nicht aus verschiedenen Bevölkerungsschichten. Und die Sendung wird für nicht wichtig genug gehalten.

          Mit dem Finale von „Wetten, dass ..?“ endet vor allem ein Ritual. Ein Ritual, das sich längst von seiner ursprünglichen Bedeutung entkoppelt hatte und nur noch leerlief. Selbst Abschied ist von dieser Sendung schon so viele Male genommen worden. Vermutlich wird nach „Wetten, dass ..?“ nie wieder eine unwichtige Fernsehsendung so wichtig genommen werden. Das muss aber nichts Schlechtes sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Freie Fahrt? Auf Deutschlands Autobahnen wartet die „größte Verwaltungsreform seit Jahrzehnten“.

          Autobahnen : Besser als Google Maps

          Bald übernimmt der Bund Planung, Bau und Betrieb der Autobahnen. Anfang 2020 beginnt ein erster Härtetest: Eine Verwaltung, die sich Jahrzehnte eingespielt hat, wird durcheinandergewirbelt. Wird alles klappen?
          Die Dividenden ersetzen die Zinsen nicht.

          Die Vermögensfrage : Die Dividende ist nicht der neue Zins

          In Zeiten abgeschaffter Zinsen werden neue Anlagemöglichkeiten gesucht und gefunden: die Dividende. Ein guter Tausch? Dividendentitel können ein attraktiver Bestandteil der eigenen Aktienanlagestrategie sein, den Zins aber ersetzen sie nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.