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„Wetten, dass ..?“ mit Markus Lanz : Die Pelzdichte in Düsseldorf

Der Samstagabend war für Lanz in jeder Hinsicht ein Kraftakt. Bild: REUTERS

Er kann fotografieren, er sieht gut aus - und hat gleich mit seiner ersten „Wetten, dass..?“-Ausgabe eine Rekordquote eingefahren. Markus Lanz ist zweifellos der Größte - aber ist er auch der Heilsbringer?

          3 Min.

          Am Samstag wurde im ZDF ein Prophet geboren. Er hört auf den Namen Markus Lanz und ist mit all den Gaben gesegnet, die es braucht, durch die wichtigste Fernsehsendung des Universums zu führen. Er kommt aus einer einst bitterarmen Familie, er hat ein Buch geschrieben, er kann fotografieren, er war am Nord- und am Südpol, er sieht gut aus und er ist - sehr, sehr, sehr nett. Er ist der Größte. Er übernimmt die zuvor von Thomas Gottschalk geleistete Moderation von „Wetten, dass ..?“. Er ist eine Heilsgestalt. Zumindest für das ZDF, das den „Countdown“ vor der Show inszenierte, als ginge es um die Mondlandung. So meinte der Fernsehkoch Horst Lichter mit unverstelltem Pathos, gleich dürften wir sagen, wir seien dabei gewesen. 13,62 Millionen Menschen waren dabei. Doch auch 13,62 Millionen können irren und drei Stunden und vierzehn Minuten lang auf einen Kaiser namens Lanz sehen, der nichts anhat.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Oder fast nichts - so wie die Damen und Herren, die sich später bis auf die Unterhose entkleidet, angemalt in den Vereinsfarben von Fortuna Düsseldorf, zur großen Außen-Wette versammelten. Und sonst? Roberto Villazon erzählte von seinen Nasenhaaren, eine Frau befummelte Hundehaarproben, um die jeweilige Rasse zu ertasten, ein Mann morste mit seinen Ohren, ein Junge aus Düsseldorf wusste die Berliner S-Bahn-Linien auswendig, dem Traktorfahrer aus Österreich versagten die Fahrkünste, der Schauspieler Wotan Wilke Möhring empfahl sich als Komoderator, da er Lanz soufflierte, was der vergessen hatte, Campino von den „Toten Hosen“ war für Lässigkeit und schlichte Wahrheiten zuständig, Jennifer Lopez fürs Optische, die Van der Vaarts fürs Volkstümliche, Karl Lagerfeld langweilte sich von Minute eins an und bestach durch staubtrockenen Humor, und Hannelore Kraft zog, obgleich erkältet, durch ihre schiere Anwesenheit den Hauptgewinn: mehr als dreizehn Millionen Zuschauer, Landeshauptstadt, Lächeln, Klatschen, Wiederwahl.

          Bessere Quoten als RTL-„Supertalent“

          Apropos Düsseldorf: Dort, am Ursprungsort von „Wetten, dass ..?“ aufzutreten, habe für ihn den Ausschlag gegeben, die Sendung zu übernehmen, sagte Markus Lanz. Denn dort sei die Pelzdichte noch höher als in Grönland, wo er auch gerne weile. Das war der erste einer Reihe von Aufsagern ohne Pointe, für die sonst als Witzfigur vom Dienst Cindy von Marzahn zuständig war. Doch bewies Lanz im Lauf der Sendung wenigstens seine körperliche Fitness, bei Liegestützen mit Bierkasten auf dem Rücken zum Beispiel.

          So machte Lanz mal artig den Elstner (der in der ersten Reihe saß), dann kämpferisch den Raab, das Günther-Jauch-Double Michael Kessler aus „Switch Reloaded“ hatte er auch dabei, um den Gottschalk vergessen zu machen, der an diesem Abend an der Seite von Michelle Hunziker und Dieter Bohlen beim RTL-„Supertalent“ ein Schattendasein mit 4,57 Millionen Zuschauern führte, unterboten noch von den „Melodien der Berge“ in der ARD mit 2,11 Millionen Zusehern.

          Das ergibt unter dem Strich einen scheinbar fabelhaften Einstand für Markus Lanz, doch würde es einen schon mächtig wundern, sollte sich der Run wiederholen. Denn vor allem die ARD hat mit ihrem Programm nur pro forma dagegen gehalten, das „Supertalent“ bei RTL hat seinen Zenit überschritten, die anderen Sender sind auch freundlich beiseitegetreten. Und am grundlangweiligen Wesen von „Wetten, dass ..?“ hat sich wenig geändert, die Prominenten kommen nicht mehr nach und nach auf die Bühne, sondern werden gleich zu Beginn im Paket aufs Sofa verfrachtet, das - welch eine Innovation - herumfährt und sich dreht, und ringen dort nun in größerer Runde um Worte, um die besonders der Moderator verlegen war. Oder wie soll man verstehen, dass er mit Blick auf die Haarpracht von Karl Lagerfeld und diejenige des Komödianten Bülent Ceylan von einer „Zusammenführung der Pferdeschwänze“ sprach?

          „Sind wir spät geworden?“

          Lanz war an diesem Abend so aufgeregt wie schmerzfrei. Für seinen schmerzfreien, oftmals dummdreist anwanzenden Moderationsstil ist er bekannt. Damit hat er sich beim ZDF zur Marke gemacht. Die Marke ZDF wiederum ist an diesem Abend von Pro Sieben oder RTL längst nicht mehr so weit entfernt, wie die Senderverantwortlichen einen dies glauben machen wollen. Show-Veteranen wie Frank Elstner (der „Wetten, dass ..?“ erfand) oder Dieter-Thomas Heck, die Gottschalk verdammt haben, weil der frevelhafterweise bei RTL gelandet ist, sollten ebenso wie das ZDF, das seinem Moderator Lanz nicht genug huldigen kann, die Kirche im Dorf lassen:

          Hier geht es um eine in die Jahre gekommene Unterhaltungsshow und nicht um das Himmelreich. Es geht um einen Moderator, der bei der quälenden Suche dritte Wahl war (nach Hape Kerkeling und Jörg Pilawa), der nett daherkommt, aber alles andere als schlagfertig und witzig ist. „Sind wir spät geworden?“ wollte Lanz zum Abschluss wissen. Ja, spät war’s, so gegen halb zwölf. Es steht zu befürchten, dass das im Zweiten jetzt häufiger passiert.

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