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„Wetten, dass..?“ hört auf : Ende des deutschen Kindergeburtstags

Dem deutschen Unterhaltungsfernsehen ist die Puste ausgegangen Bild: dpa

„Wetten, dass..?“ soll es nicht mehr geben. Elstner hat’s gegründet, Gottschalk hat’s gegipfelt, Lanz hat’s vergeigt. Vom Leben und Sterben einer Show.

          2 Min.

          Im Theater zu Marl ist am vergangenen Freitag ein Star der deutschen Fernsehunterhaltung geboren worden. Er ist witzig, schlagfertig, sportlich; hat Mut, Charme und Spontaneität, sieht gut aus, und musikalisch ist er obendrein. Er singt ein bisschen wie Frank Sinatra. Das klang zumindest so bei der fünfzigsten Verleihung des Grimme-Preises. Vielleicht hatte es auch damit zu tun, dass der Saxophon-Altmeister Klaus Doldinger und dessen „Passport“-Truppe so sensationell gut spielten. Klaas Heufer-Umlauf jedenfalls machte eine sehr gute Figur.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wäre er nicht im Verein mit seinem Kompagnon Joko Winterscheidt der passende Retter von „Wetten, dass..?“ , der seit 1981 laufenden Unterhaltungsshow im ZDF? Und saß Klaas, wie ihn alle nennen, nicht gerade erst in der Talkshow des glücklosen „Wetten, dass..?“-Moderators Markus Lanz, direkt neben Frank Elstner, dem Erfinder der Show? Was wäre das für ein schöner Wink mit dem Zaunpfahl gewesen – drei Mann in einem Boot, das doch nicht untergeht. Ging es aber. Am Samstag machte es das ZDF offiziell: „Wetten, dass..?“ gibt es noch drei Mal, Ende des Jahres ist Schluss.

          Das richtige Gefühl

          Dass es so kommt, muss einen nicht verwundern, vielmehr, dass es diese Show so lange schon gibt. Frank Elstner hat sie vor dreiunddreißig Jahren erfunden. Es entwickelte sich eine Win-Win-Win-Konstellation: für Elstner, für das ZDF und für Thomas Gottschalk, der als Moderator mit der Sendung eins wurde.

          Bilder, die fast jeder kennt - so wie die ganze Sendung: Im Oktober 2003 packt Musikproduzent Dieter Bohlen den damaligen Moderator Thomas Gottschalk am Kragen Bilderstrecke

          Als „Wetten, dass..?“ seine hohe Zeit hatte, war es, wie Florian Illies in „Generation Golf“ schrieb, ein Augenblick reinsten Glücks: „Mir geht es gut. Ich sitze in der warmen Badewanne, und zwischen meinen Knien schwimmt das braune Seeräuberschiff von Playmobil. Nachher schaue ich ,Wetten, dass..?‘ mit Frank Elstner, dazu gibt es Erdnussflips. Niemals wieder hatte ich in späteren Jahren solch ein sicheres Gefühl, zu einem bestimmten Zeitpunkt genau das Richtige zu tun.“

          Millionen Menschen hatten diese Gefühl. Das ist auch noch heute so, nur sitzen nicht mehr fünfzehn, sondern 5,7 oder, wie am Samstag, 6,8 Millionen Zuschauer vor dem Schirm. Und haben nichts Besseres vor, als sympathischen Jedermännern bei sinnfreien Höchstleistungen zuzusehen und gelangweilte Prominente zu ertragen, denen das Erstaunen über diese ethnologische Versuchsanordnung ins Gesicht geschrieben steht.

          Der Gedanke, alle erreichen zu müssen

          Wer aber hätte 1981 darauf gewettet, dass es diese Sendung 2014 noch gibt? Thomas Gottschalk hat sie kraft seiner Person über die Runden gerettet. Doch auch mit ihm setzte ein Abwärtstrend ein, mit Michelle Hunziker kam eine Ko-Moderatorin hinzu, die Wetten wurden gewagter. Dann gab es den verhängnisvollen Unfall, bei dem sich der Wettkandidat Samuel Koch schwer verletzte. Gottschalk ging, Lanz kam, und mit ihm war die Sache gelaufen. Ihm fehlt die Lockerheit, die es braucht, einen dreistündigen Kindergeburtstag für Erwachsene zu veranstalten. Lanz ist ein Akrobat, der selbst Kunststücke zeigen will. Gottschalk war ein Gastgeber, der es verstand, andere leuchten zu lassen und ein Gespräch zwischen den Generationen herzustellen. Er konnte noch einen Bogen über die gesamte Nachkriegszeit spannen, bei Lanz gab es davon nichts.

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          Es war eine zuletzt ausweglose Situation, aus der das ZDF die richtige Konsequenz zieht. Und dabei noch immer sehr viel besser dasteht als die Konkurrenz, bei der Dieter Bohlen weder für gute Unterhaltung noch für großes Publikum sorgt. Von dem Gedanken, alle erreichen zu müssen, sollten sich die Fernsehmacher verabschieden, es sei denn, sie produzieren einen „Tatort“ oder zeigen Fußball. Die Zeit der Familienfernsehabende ist vorbei. Und die Zeit der harmlosen Wetten auch. Gewettet wird heute nicht im Fernsehstudio auf kleine Kunststücke, sondern an den Finanzmärkten auf den Kollaps von Staaten. Topp, die Wette gilt!

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