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Werbung mit Amateurvideos : Im Visier des Hähnchenbraters

  • -Aktualisiert am

Durch die Brille des Strategen: Die Werbung entdeckt die Amateurvideos für sich Bild: picture-alliance/ dpa

Ein Video, das ein junger Londoner ins Internet stellte, entdeckten die Werber von „Kentucky Fried Chicken“ und integrierten es in ihren professionellen Werbespot. Keine unübliche Praxis: Die Amateurvideo-Plattformen sind zum Jagdrevier für Ideenscouts aus der Werbebranche geworden.

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          Als der junge Londoner Ricardo „Skratch“ Charles vor drei Monaten einen 47 Sekunden langen Spot auf der Video-Website Youtube.com hochlud, der ihn mit einem Geburtstagskuchen in einem Pappeimer der Fastfoodkette Kentucky Fried Chicken (KFC) zeigt, konnte er nicht ahnen, dass er zu einem Avantgardisten der Werbewelt würde. Denn als die Werbestrategen des Hähnchenbraters im Internet nach neuen Ideen suchten, stießen sie auf sein Video und machten es zur Pointe ihrer neuen Werbung. Der Fünfzehn-Sekunden-Clip, der seit einigen Tagen im amerikanischen Fernsehen läuft und aus Schnipseln gutgelaunter Amateur-Videos von Websites wie Youtube und MySpace erstellt ist, lässt die Werbewelt aufhorchen: blasse Krümeligkeit statt Hochglanzfotografie, Amateur-Schwenks statt kunstvoller Komposition, holpriger Schnitt statt perlende Bilderfolgen.

          Vierhundert meist mit Handykameras oder Webcams aufgenommene Mini-Videos haben die Werber im Internet gesichtet, am Ende schnitten sie dreizehn Privatvideos zu ihrem Werbespot zusammen. Zu sehen sind Breakdancer auf öffentlichen Plätzen und im heimischen Wohnzimmer, Freudensprünge im Büroflur, alberne Tanzeinlagen auf Parties, ein Baby in einem Hängestuhl, jubelnde Teenager - und eben „Skratch“, dessen Geburtstagskuchen-Clip das erste Video ist, das er je ins Netz gestellt hat. „Ich bin halt ein Hähnchenfan und fand das lustig“, sagt er. Per E-Mail kontaktierten ihn die KFC-Werber und boten ihm tausend britische Pfund für sein Video. Gesehen hat der Vierundzwanzigjährige, der in einem Londoner Telefonladen arbeitet, den Spot noch nicht: „Aber ich mache mit ein paar Freunden jetzt einen zweiten und dritten Teil, den ich den KFC-Leuten präsentieren will“, sagt er.

          Neues Jagdrevier der Werbebranche

          Das „Broadcast Yourself“-Fieber im Internet hat Video-Websites längst zum neuen Jagdrevier der Ideen- und Talentscouts gemacht. Bereits beim diesjährigen Football-Endspiel, dem Superbowl, dem Schaulaufen der amerikanischen Werbewelt, strahlten ein Autohersteller und ein Snackkonzern Spots nach den Ideen von Amateuren aus. Youtubes „Lonelygirl15“ alias Jessica Lee Rose wurde für einen Spot der Vereinten Nationen engagiert, Amanda Congdon von Rocketboom.com entwickelt eine Serie für den Renommiersender HBO. Und die Youtube-Chefs selbst teilten kürzlich mit, dass sie einige ihrer beliebtesten Laien-Entertainer, darunter HappySlip, Smosh und LisaNova, im eigenen Haus unter Vertrag nehmen wollen.

          Freilich geht es in den KFC-Spots weniger um Talent als um neue Vertriebswege. In der „viral video“-Welt verbreiten sich Botschaften ähnlich schnell wie Mundpropaganda mit Schneeballeffekt, und KFC hofft, mit der Anmutung von Authentizität den Nerv der jungen Internet-Community zu treffen - auch, wenn sämtliche Akteure über anderes als über Hähnchen jubeln, einer von ihnen ist sogar Vegetarier. Im Internet läuft die Kampagne allerdings eher schleppend an. Zwei Tage nach der Erstausstrahlung im Fernsehen verzeichnete das KFC-Video (Überschrift: „Neuer KFC-Spot macht Internet-Promis zu TV-Stars“) gerade 1500 Zugriffe auf Youtube. Der Londoner Hähnchenliebhaber „Skratch“ hofft trotzdem auf die Fortdauer seiner Karriere.

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