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Kommentare zu Böhmermann : Jetzt kommen die Spätzünder

Hatte sich noch jemand nicht zu Jan Böhmermann geäußert? Keine Bange, jeder kommt an die Reihe. Bild: dpa

Wer sich zu Böhmermann noch nicht geäußert hat, tut es jetzt: Didi Hallervorden singt, Anton Hofreiter fordert, Bernd Lucke pöbelt, und auf Margot Käßmann hatte die Welt noch gewartet.

          Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Dieter Hallervorden hat schon, will aber wieder und legt mit einem zweiten Song in Sachen Böhmermann nach: „Aus Plaste und Elaste ist ihr Rückgrat gemacht“, singt er in „Merkel - zu allem bereit“ und meint die Entscheidung der Bundeskanzlerin, das von Erdogan beantragte Verfahren nach Paragraph 103 Strafgesetzbuch zuzulassen. So habe sie uns „ein Stückchen Scharia gebracht“.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was natürlich ein Witz ist, denn Merkels Entscheidung war das Gegenteil von Scharia und Liquidierung der Kunstfreiheit nach Potentatenart, sondern praktizierte Gewaltenteilung in einem Rechtsstaat, in dem nun einmal Gerichte über die Grenzen der Satire befinden. Da bleibt der Legislative, den Nachfolger des Majestätsbeleidigungsparagraphen abzuschaffen. Aber um solche Details geht es längst nicht mehr, und wer geglaubt hat, das Böhmermann-Solidarisierungs-und-Empörungs-Karussell würde nach der Verschiebung der Causa auf den Rechtsweg zum Stillstand kommen, wird eines Besseren belehrt.

          Vorher sah die Sendung fast niemand

          Denn nun springt auf, wer noch keine Runde vor großem Publikum gedreht hat oder noch einmal rotieren will. Alle reden über Böhmermann, dessen Show ohne seine Krawallnummer, von deren Wirkung er inzwischen wohl selbst unangenehm überrascht sein dürfte, knapp über der Wahrnehmungsschwelle stattgefunden hätte. Zwei Drittel der Deutschen und gefühlte hundert Prozent der Auslandspresse empfinden Merkels Votum als skandalösen Kniefall vor dem Despoten am Bosporus - woran freilich die Kanzlerin die Hauptschuld trägt, nicht mit ihrer jüngsten Entscheidung, sondern weil sie sich mit ihrer Flüchtlingspolitik zu Erdogans Geisel gemacht hat. So landeten Böhmermann und Idomeni und Erdogans Feldzug gegen die freie Presse in der Türkei auf einander in Erregungszuständen kurzschließenden Synapsen.

          Und nachdem schon Hinz und Kunz Je-suis-Böhmi gehashtagt haben, Böhmermann beim Grimmepreis Schulterklopfen in Abwesenheit bekam, Kai Diekmann ihm mit einem Fake-Interview huldigte, Springer-Chef Mathias Döpfner sich die Schmähkritik zu eigen machte, der „Spiegel“ den Satiriker auf den Titel hob und endlich auch Margot Käßmann als ehemalige EKD-Vorsitzende das Thema entdeckte und Böhmermann pastoral zum Nichtwegducken aufforderte, der aber doch eine vierwöchige Fernseh- und Radiopause ankündigte (hunderttausendfach geliked auf Facebook), kommt nun um die Ecke gebogen, wer die Welle noch schnell reiten will, bevor sie verebbt.

          Der Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter etwa mahnt, Merkel müsse nun aber kritische Journalisten in der Türkei treffen, Menschenrechtsaktivisten und Oppositionelle. Und dann gibt es noch diejenigen, die denken, sie wären irgendwie kongenial, wenn sie im Böhmermannstil herumpöbeln. Wahlweise, um Merkel zu kritisieren, wie Oliver Kalkofe - der sagt, Merkels Entscheidung „war nicht der Tod der Satirefreiheit, aber zumindest ein gewaltiger Tritt in ihre Eier“ - oder um Böhmermann zu schmähen, wie der AfD-Gründer und Alfa-Vorsitzende Bernd Lucke. „Böhmermann ist eine feige Drecksau“, schreibt er auf seiner Website. Erdogan abzuwatschen sei ein leichtes Spiel. „Auf Unanständiges anständig zu reagieren, ist nicht so leicht“, räsoniert Lucke da - und denkt garantiert nicht an sich selbst.

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