https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/wer-hat-uns-erfunden-polder-tokyo-heidi-im-ersten-15634547.html

„Polder - Tokyo Heidi“ im Ersten : Wer hat uns erfunden?

Alles nur ein Spiel? Ryuko (Nina Fog) versucht dem Konzern Neuroo-X das Handwerk zu legen, ist jedoch tiefer darin verstrickt, als sie ahnt. Bild: SWR/Niama Film

Virtuelle Welten, die Programmierung des menschlichen Geistes, japanische Gruselgeschichten und Schweizer Alpenpanoramen: Für „Polder – Tokyo Heidi“, eines von zwölf „Filmdebüts“ im Ersten, ist die Realität zu blass.

          2 Min.

          Wer die Farben der japanischen Flagge umkehrt, ist von der Flagge der Schweiz nicht weit entfernt. Der Rest ist Kosmetik. Ähnlich macht es das im besten Sinn anarchische Sience-Fiction-Schauermärchen mit dem Namen „Polder – Tokyo Heidi“ des Schweizer Künstlerkollektivs „400asa“ unter der Regie von Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal. Hier bevölkern Figuren und Versatzstücke aus der japanischen Populärkultur die in eine finstere Retro-Zukunft gehüllte Landschaft der Schweizer Alpen.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Ähnlich wie in Steven Spielbergs Film „Ready Player One“ steht im Zentrum von „Polder“ ein Spiel, eine Simulation – und das Versprechen, mit ihrer Hilfe „die Einschränkungen der Realität“ überwinden zu können. Nicht nur ist die Simulation des Konzerns „Neuroo-X“ der Realität zum Verwechseln ähnlich, sie ist ihr überlegen. In ihrer neuesten, noch nicht marktreifen Version, beruht sie auf den unbewussten Wünschen der Nutzer und kreiert daraus individuelle Abenteuer. Zudem erweitert sie die Zeit: Eine verspielte Stunde fühlt sich in der virtuellen Realität an wie ein Tag.

          Was macht dieser Film nun daraus?

          Möglich macht das ein Prototyp, den Marcus (Christoph Bach), der verstorbene Chefentwickler von Neuroo-X entwickelt hat: „Das rote Buch“. Als hinreichend subtile Verknüpfung des gleichnamigen autobiographischen Werks von Carl Gustav Jung über die Kraft des Unbewussten sowie der „Worte des Vorsitzenden Mao-Tse-tung“, gibt es die roten Meta-Fäden des Plots vor. Denn die Chinesen, die in unserer Wirklichkeit eine Leben-gegen-Punkte-Simulation aufbauen, interessieren sich im Jahr 2025 brennend für die Arbeit von „Neuroo-X“. Der Film folgt nun in Sprüngen der Geliebten des Chefentwicklers, der Japanerin Ryuko (Nina Fog) und ihrem gemeinsamen Sohn Walter (Pascal Roelofse). Gemeinsam mit der Anwältin Gaby (Friederike Kempter) sammelt Ryuko Spuren, die Marcus hinterlassen hat, um das Geheimnis des Konzerns zu lüften.

          Und wenn man sich fragt: Was macht dieser Film nun daraus? So muss die Antwort lauten: alles. Und zwar herrlich bis grotesk verspielt. Postkartenpanoramen, Mutterrollen, Zeitreisen, mythische Figuren, Sprache, Wahn- und Liebesbeziehungen – alles wird in seine Einzelteile zerlegt und neu zusammengewürfelt. Die Technik der Zukunft wird durch die Hülsen der Technik von einst (Wählscheibentelefone und Röhrenfernseher) dargestellt. Die verschiedenen Realitätsebenen bekommen unterschiedliche Farben. Zugleich schafft es „Polder“, den Zuschauer trotz Referenzgewittern von Nietzsche bis zum einstigen Google-Motto („Sei nicht böse“) nicht zu überfordern. Hinter den überzeichneten, aber bis ins Detail durchkomponierten Bildern, den Zitaten, dem mitunter bewusst laienhaften Schauspiel, dem Grusel und den Eruptionen des Wahnsinns blitzt stets die zeitgenössische Geschichte eines ungesunden Abhängigkeitsverhältnisses hervor: Jenem zwischen einem Konzern, der sich vorgenommen hat, die Welt zu verbessern, und dem – wie es in Konzernsprache heißt – „Klick-Vieh“.

          Polder – Tokyo Heidi läuft am Dienstag um 0.35 Uhr im Ersten.

          Weitere Themen

          „Bild“ ist komplett

          Neue Chefredaktion : „Bild“ ist komplett

          Die Chefredaktion von „Bild“ ist vollständig. Johannes Boie ist deren Vorsitzender, Robert Schneider kommt hinzu, Alexandra Würzbach und Claus Strunz bleiben.

          Topmeldungen

          Viel Zeit bleibt nicht: In eineinhalb Jahren steht für Hansi Flick und die Nationalmannschaft die Europameisterschaft im eigenen Land an.

          Der Bundestrainer bleibt : Schlechte Voraussetzungen für Flick

          Was seit dem WM-Aus passiert ist, lässt schwer auf eine erfolgreiche Zukunft der Nationalelf mit Hansi Flick hoffen. Der DFB geht ein großes Risiko ein – es fühlt sich so an, als hätte man das alles erst erlebt.
          Zugriff: Polizisten führen am Montag Prinz Reuß ab

          Plante Umsturz : Wer ist Heinrich XIII. Prinz Reuß?

          Eine Gruppe aus der „Reichsbürger“-Szene plante offenbar den Umsturz der demokratischen Ordnung Deutschlands. Rädelsführer soll ein Prinz aus Frankfurt sein – mit Hang zur Esoterik und Geldproblemen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.