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„Amsterdam-Krimi“ im Ersten : Wer die Steuerflüchtlinge stört

  • -Aktualisiert am

Unter Druck: Alex Pollack (Hannes Jaenicke, links) und Bram de Groot (Fedja van Huêt) befragen Femke Pieters (Hannah Hoekstra). Bild: ARD

Möge dieses unprätentiöse Team weiter gegen Windmühlen kämpfen: Eine Doppelfolge des „Amsterdam-Krimis“ macht Wirtschaftskriminalität spannend.

          3 Min.

          Keine Helikopter, auch kein brennender Dschungel. Stattdessen fliegt eine Drohne eine wenig schmucke Amsterdamer Gracht entlang. Rückblenden aber sind es hier wie da, Erinnerungen der Protagonisten, bevor die Kamera jeweils über das Foto einer Frau und einen Abschiedsbrief gleitet. Die vorzügliche Musik (Andreas Helmle) vermeidet Pathos und Dringlichkeit von Jim Morrisons Litanei-Gesang, erreicht aber mit Streichern, Keyboards und elektronischem Pulsieren eine ähnliche Spannung. Dann liegt er da wie Captain Willard in Saigon, Hannes Jaenicke alias Alex Pollack, geweiteter Blick an die Decke, wartend auf den nächsten Einsatz, auch wenn er, weil ihm eine verdeckte Ermittlerin (und Geliebte) mit einer halben Million durchgebrannt ist, zunächst – und optisch fulminant – eine Abbürstung samt Versetzung in den dunklen Technikkeller zu gewärtigen hat. Wer sich in der Eröffnungssequenz augenzwinkernd an das ganz große New-Hollywood-Kino anlehnt, „Apocalypse Now“ im Tulpenparadies, zeigt auf jeden Fall schon einmal Selbstbewusstsein.

          Ein Absturz ins Klein-Klein des deutschen Polizeifilms täte nun freilich besonders weh. Aber man muss mit Achtung konstatieren: Er hält sich auch weiterhin ziemlich gut, der neue „Amsterdam-Krimi“ (in Doppelfolge), den wieder Peter Koller geschrieben hat. Regie führt diesmal Peter Stauch, der zuletzt mit der Anwaltsserie „Falk“ hervorgetreten ist. Freilich sprechen wieder alle Niederländer Deutsch miteinander, auch sind viele Mutmaßungen der Ermittler erstaunlich zielführend, und die ein oder andere Volte entbehrt nicht der Vorhersehbarkeit, aber insgesamt ist diese Zieglerfilm-Produktion (für die ARD Degeto) ein deutscher Fernsehkrimi, der nicht aussieht wie ein deutscher Fernsehkrimi: dicht und listig erzählt, souverän inszeniert und hervorragend unaufdringlich gespielt.

          Wirtschaftsthriller mit authentischem Hintergrundrauschen

          Wir sehen einige Grachten und den Hafen, aber ansonsten hält sich die Regie mit Amsterdam-Flair bewusst zurück, was auch deshalb wohltuend ist, weil sich die internationalen Ermittler hier gerade gegenseitig auf den Zehen stehen. Wenige Tage zuvor erst hatte Retro-Kommissar Van der Valk, ein flotter Charme-Haudegen, seinen ersten Einsatz (dieses Jahrhunderts) an der Amstel. Doch die von der ARD mitfinanzierte ITV-Produktion erwies sich bei allem Stilwillen als inhaltsleeres Remake. Der plotgetriebene Film von Koller und Stauch ist über weite Strecken das genaue Gegenteil, auch wenn sich in „Tod im Hafenbecken“ eine kuriose Parallele auftut, die freilich raffinierter ausagiert wird.

          Es handelt sich um einen blutigen Wirtschaftsthriller mit authentischem Hintergrundrauschen, schließlich sind die Niederlande die größte Steueroase innerhalb der Europäischen Union. Ein deutscher Investigativ-Journalist (Anatole Taubman), der einer teils offenbar von staatlichen Akteuren gedeckten Steuerhinterziehungsmasche einer Großkanzlei auf die Spur gekommen ist, wird tot aufgefunden. Auch seine Freundin (Hannah Hoekstra), die in dieser Kanzlei gearbeitet hat, erhält inzwischen Morddrohungen. Luxleaks, Panama Papers und die Journalistenmorde von Malta und der Slowakei lassen grüßen. Koller fürchtet große Themen nicht und kann sie in einiger Komplexität abbilden. Dazu passt Stauchs ruhiger Erzählton. Die gebremste Bildsprache nimmt sich viel Zeit für Details, während sich die Dynamik aus der Handlung ergibt. Die Kamera von Markus Schott bleibt dabei durchweg auf Augenhöhe mit den Figuren, die wie auf einer Bühne vor dezent abgedunkelter Kulisse agieren. All das macht die Anmutung edel, ohne gekünstelt zu wirken.

          Ihre Kraft beziehen die Filme aus dem Zusammenspiel von Hannes Jaenicke und Fedja van Huêt. Letzterer mimt Bram de Groot, den holländischen Kollegen Pollacks, der den in Düsseldorf mit Kellerarbeit bestraften Undercover-Spezialisten nach Amsterdam zurückholt, um den Fall des ermordeten Deutschen aufzuklären. Zwei einander vollkommen vertrauende Ermittler ohne Spleens und Rivalitäten, das ist ja heute fast schon revolutionär. In der nächsten Episode, die am kommenden Donnerstag die Handlung fortführt, aber auch eigenständig funktioniert, werden die Protagonisten von anzugtragenden Schurken aufeinander gehetzt (sonst stirbt ein Kind). Aber auch dieses klassische Thriller-Motiv unterlaufen sie nonchalant mit ihrer Unverbrüchlichkeit.

          Die Auflösung gerät dann jeweils total, lässt keinen Rest. Es ist eben doch kein New-Hollywood-Kino mit seiner Schwäche für den Wahnsinn – ein erlöster Colonel Kurtz des Finanzkapitalismus wäre apart gewesen –, sondern ein Ordnungskrimi, der uns nach getaner Arbeit mit dem wohlverdienten Feierabendbier ins Bett schickt. Und doch zeigt diese hektikfreie Doppelfolge, wie man mit konzentriertem Einsatz der Bordmittel und kleinen Abweichungen von handelsüblichen Plots eine hochspannende Filmerzählung ohne all die enervierenden Mätzchen, Witzchen und Romanzen erreichen kann. Möge dieses unprätentiöse Team weiter gegen Windmühlen kämpfen.

          Der Amsterdam-Krimi: Tod im Hafenbecken läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten. Die Episode Das verschwundene Kind folgt am nächsten Donnerstag.

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