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Doping und Fernsehen : Großer Betrug, live gesendet

And the Winner is? Russia, wie hier im Wettbewerb des Zweierbobs bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014. Die Frage ist: Welche Mittel wurden dafür eingesetzt? Bild: AP

Das Ausmaß des russischen Staatsdopings sprengt die Vorstellung vom fairen olympischen Wettbewerb. Gedopt wird auch beim Fußball. Wieso übertragen die Fernsehsender immer weiter?

          Das Ausmaß des russischen Staatsdopings lässt sich nach der Vorlage des zweiten Teils des McLaren-Reports von niemandem mehr ignorieren. Mehr als tausend russische Sportler in dreißig Disziplinen sollen darin verwickelt gewesen sein, bei den Olympischen Sommerspielen in London 2012, bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau 2013, bei der Universiade in Kasan und bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014. Die Ergebnisse unzähliger Wettbewerbe sind durch Betrug zustande gekommen; wenn die Urinproben der betreffenden Sportler alle noch einmal durchgeprüft worden sind, dürften reihenweise Medaillengewinner aus der Wertung fliegen.

          Die Funktionäre geben sich baff und entsetzt und täten gut daran, den Restbestand an Glaubwürdigkeit, den der organisierte Sport noch besitzt, zu bewahren, indem sie Konsequenzen ziehen - gegenüber Russland. Das betrifft nicht nur das Internationale Olympische Komitee, sondern auch den Fußballweltverband Fifa, da sich in den langen Doping-Listen auch Fußballspieler finden. Doch wo - ausgerechnet - findet die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 statt? In Russland, dem Land der unbegrenzten pharmazeutischen Möglichkeiten. Vier Jahre später geht es in die Wüste nach Qatar, das auf aberwitzige Weise an die WM gekommen ist.

          Davon liest man in den Zeitungen, hört und sieht Berichte im Rundfunk - dort aber hat es damit seine besondere Bewandtnis: So lief in der ARD-„Sportschau“ zuletzt wieder ein Beitrag des Doping-Rechercheurs Hajo Seppelt, der bei der Aufklärung Pionierarbeit geleistet hat und dafür zu Recht Preise einheimst. Doch kaum ist Seppelts Film vorbei, geht es munter weiter im Sport-Theater, als wäre nichts gewesen. Es ist, als sei im Hintergrund ein Gespenst vorbeigehuscht. Es sind aber die Sender, in Deutschland die öffentlich-rechtlichen, die mit ihren im Namen aller Beitragszahler ausgegebenen dreistelligen Millionensummen für Übertragungsrechte das ganze korrupte System mit am Leben erhalten. Es ist an ihnen, auf die Maßstäbe des fairen sportlichen Wettbewerbs zu pochen, der den Zuschauern angeblich gezeigt wird.

          Manipulierte Spiele auf dem Bildschirm

          Könnten die Sender, auch wenn sie die Rechte an den Olympischen Spielen 2018 bis 2024 nicht gekauft haben, weil der amerikanische Senderkonzern Discovery dafür angeblich einen zu hohen Preis forderte, nicht wenigstens etwas Druck aufbauen, nach dem Motto: Manipulierte Spiele zeigen wir nicht? Es wäre schön, bliebe es nicht dabei, dass der Bob- und Skeleton-Weltverband IBSF die richtige Lehre aus dem McLaren-Report zieht und die Weltmeisterschaft in seinen Sportarten verlegt. Stattfinden sollten sie bekanntlich an dem schönen Doping-Sportplatz Sotschi.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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