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„Das Versprechen“ im ZDF : Wenn der kleine Sohn mit dem Vater

  • -Aktualisiert am

Keine heile Welt: Mika Tritto (l.) und Andreas Döhler in „Das Versprechen“ Bild: ZDF

Mit bewegenden Bildern Verständnis schaffen: Der Film „Das Versprechen“ schildert den Familienrollentausch von Kindern, deren Eltern psychisch erkrankt sind.

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          Etwa drei bis vier Millionen Kinder wachsen in Deutschland mit einem psychisch kranken Elternteil auf. Diese Mädchen und Jungen sind oft „Kümmerer“, insbesondere in Alleinerziehenden-Konstellationen. Sie sorgen dafür, dass der Haushalt nicht verwahrlost, wenn ein depressiver Schub Mutter oder Vater tagelang blicklos ins Leere starren lässt. Sie verbergen in der Schule, dass bei ihnen Zuhause die Rollen vertauscht sind, räumen Schnapsflaschen weg und gebrauchte Spritzen, wenn es sich um Suchterkrankungen handelt, verschweigen psychotische Anfälle, spielen nach außen perfekte heile Welt.

          In Wirklichkeit entwickeln sie meistens eine außerordentliche Sensibilität für andere, die sie noch weiter von ihren eigenen Nöten und Bedürfnissen entfernt. Funktionieren, bis der Arzt kommt. Wenn er denn kommt. Auf der anderen Seite diagnostiziert die Kinder- und Jugendpsychiatrie DMDD (Disruptive Mood Dysregulation Disorder), eine Impulskontrollstörung, bei der scheinbar nebensächliche Frustrationen zu schweren affektiven Ausbrüchen führen. Hier verhalten sich die Eltern oft wie Geheimnisträger. In Kita und Schule gelten diese Mädchen und Jungen als extrem schwierig, überfordern Erzieher und Lehrer, jedenfalls dann, wenn es kein Wissen um die Erkrankung gibt. Als „Psycho“ stigmatisiert, lernen sie die Außenseiterrolle.

          Es handelt sich nicht um ein Nischenphänomen

          Dabei sind Depressionen und auch DMDD gut behandel- oder zumindest einstellbar. Es handelt sich auch nicht um Nischenphänomene. Psychiater und Psychotherapeuten schätzen, dass aktuell zwischen fünf und zehn Prozent der Erwachsenen hierzulande unter Depressionen leiden. Nicht jeder „Burn Out“ ist auch einer, klingt aber besser. Es kann folglich nur begrüßt werden, wenn sich Fernsehfilme zur besten Sendezeit des Taubuthemas psychische Erkrankung und deren Folgen für ihr familiäres Umfeld annehmen. Entstigmatisierung tut weiter Not, nach über einem Jahr psychisch belastenden Einschränkungen durch Lockdown-Maßnahmen mehr als je.

          „Das Versprechen“ von Beate Langmaack (Buch) und Till Endemann (Regie), Kamera Lars R. Liebold, widmet sich der zum Leben gehörenden Gemengelage mit ausgesprochenem Feingefühl. Die Last der psychiatrischen Störungen verteilt sich in diesem Spielfilm auf mehrere Schultern. Freundschaft und Hilfsangebote spielen eine wichtige Rolle, zum Ende ist nicht alles aufgehellt, aber es gibt Silberstreifen.

          Die Hauptfiguren sind Bendix (Mika Tritto), elf Jahre alt, und Jule (Ella Morgen), sechzehn Jahre. Nachdem Bendix‘ Mutter vor einem halben Jahr gestorben ist, wurde er zum Mann im Haushalt. Sein Vater Fabian (Andreas Döhler) hat eine schwere Depression und wartet wie paralysiert, dass die Wolken vorüberziehen. Würde seine Lage offenbar, dürfte er als U-Bahnfahrer nicht mehr arbeiten, die Familie würde vielleicht getrennt. Also spielen Sohn und Vater mit großer Emotionalität heile Welt. Jule hasst ihre Krankheit und ihr Leben, das Ferngesteuertsein durch plötzlich anrasende „Springfluten“. Ihre Eltern (Christina Große, Oliver Stokowski) unterstützen sie, die jeden Nachmittag in einer Tagesklinik bei Dr. Karl (Barbara Auer) zur Therapie geht, wünschen sich insgeheim manchmal aber ein „ganz normales“ Familienleben.

          Beate Langmaack entwickelt diese Figuren mit profunder Zugewandtheit, vor allem die Freundschaft der beiden Teenager und das Verständnis füreinander werden den entscheidenden Quantensprung ermöglichen. Wie der wichtige ZDF-Film „Stumme Schreie“ zum Thema Kindesmisshandlung auch, ist „Das Versprechen“ kein dramaturgisch subtiles Fernsehen und trotzdem unbedingt sehenswert. Der Film will auch gar nicht als ästhetisches Kunstwerk imponieren. Er will aufklären, und das schafft er. Er will Verständnis vermitteln, und das schafft er ebenfalls. Er ist direkt. Man verzeiht dem Film didaktische Züge und eine etwas seltsame Banküberfall-Rahmenhandlung, weil er sie mit Entschiedenheit präsentiert. Die Balance zwischen Wissensvermittlung und Spielhandlung stimmt. Den raffinierten Kunstfilm um drei Ecken schauen wir uns dann das nächste Mal wieder an.

          Das Versprechen läuft um 20.15 Uhr im ZDF.

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